Vernunftbegabt
 
Kurzgeschichte: Dunkelheit

Die Nacht legte sich wie nasses Sackleinen über Matthews Gesicht.

Die Sonne, die vor kurzem noch hinter einem Bergkamm kauerte, verschwand plötzlich und ließ ihn nun alleine. Sie konnte flüchten, sich in eine sichere Ecke verkriechen, auf Abstand gehen. Matthew war dies nicht vergönnt. Er beeilte sich, kramte in seiner Hosentasche nach den Wohnungsschlüsseln. Fand diese nicht sofort, rang darum, sich seine Hektik nicht anmerken zu lassen, nickte einem seiner Nachbarn mit flüchtigem Lächeln zu und drückte sich schnell durch die Eingangstüre, die Mister Drebits freundlicherweise offen hielt. Seine Finger ertasteten den Schlüsselbund. Matthew umschloss ihn, als klammere er sich, im Ozean treibend, an ein Stück Schwemmholz.


In seiner Wohnung schaltete der junge Mann sämtliche Lichter an. Draußen tauchte die Nacht die Stadt in bedrohliches Schwarz. Lediglich der Schein der Straßenlaternen hielt ihr stand. Wie Partisanen, gegen eine feindliche Übermacht kämpfend, widerstanden einzelne Lichtpunkte diesem alles verschluckenden Monster.

Erneut überkam Matthew das Gefühl, als drücke ihn jemand den nassen Stoff gegen sein Gesicht. Er atmete tief ein. Die Luft fühlte sich schwer an, undurchdringlich. Noch ein Atemzug, diesmal fordernder. Er drehte sich vom Fenster weg und wandte sich zum Fernseher. Jetzt nur nicht hyperventilieren. Nicht heute, nicht jetzt. Seine Lungen nahmen den Sauerstoff dankbar an. Die Luft verlor an Dichte, kroch endlich bereitwilliger in seinen Körper.


Er saß auf seiner Couch, aß sein Brot, dünn mit Butter bestrichen und mit einer Wurstscheibe belegt. Niemals anders, keine Kompromisse. Zu viel Butter, zu viel Salami, undenkbar. Allein beim Gedanken daran ekelte es ihm. Matthew liebte Beständigkeit, kalkulierbare Situationen. Überraschungen verabscheute er. Aus diesem Grund ging er nur selten aus und schon gar nicht in Kneipen, die vor Keimen nur so überquollen, oder in Restaurants. Schließlich wusste man nie, was einen da erwartete.

Während der Nachrichtensprecher von einem Erdbeben in Chile berichtete und Bilder von zerstörten Hütten und ängstlich dreinblickenden Kindern mit fremd wirkenden Gesichtszügen über den Bildschirm flimmerten, warf er einen Blick auf sein Telefon. Kein Licht, kein Lämpchen, das rot blinkte. Keine Nachricht. Nicht mal ein Anruf in seiner Abwesenheit.

Eine Frau, in eine graue Decke gehüllt, weinte bittere Tränen in die Kamera. Die Stimme eines unsichtbaren Sprechers informierte Matthew, dass derzeit noch hunderte Menschen vermisst wurden und die Hilfslieferungen nur schleppend anliefen. Auf eine seltsame Weise beruhigte ihn sein Tonfall.

Er stellte sich vor, wie diese Stimme mit ihm sprach, während er wieder eine seiner Panikattacken hatte. In seiner Fantasie befand er sich in einem Raum, in dem plötzlich das Licht erstarb und völlige Dunkelheit herrschte. Zügig kroch die Angst in ihm hoch. Zuerst lähmte sie seine Beine, dann breitete sie sich bleiern in seinem Magen aus. Obwohl diese Situation nur in seinen Gedanken existierte, wirkten die Empfindungen erschreckend real. Die Angst formte sich zu einer Klaue und legte sich um seinen Hals. Matthew schluckte, hielt seine Augen geschlossen, zwang die Schwärze in seinem Fantasiegebilde ihn nicht zu verlassen. Noch nicht. Das Gefühl zu ersticken überkam ihn und jetzt ließ er die Stimme dieses unsichtbaren Sprechers zu. Jene Stimme, die er für einen Moment lang so gut wie möglich ignoriert hatte.

„Auch in Guantre bietet sich den Hilfskräften ein Bild des Schreckens. Obwohl sich diese Stadt über 100 Kilometer vom Epizentrum des Bebens entfernt befindet, ist das Ausmaß der Zerstörung gigantisch.“

Wie ein wildes Tier, einer brennenden Fackel ansichtig, zog sich die Angst plötzlich zurück. Zuerst langsam, zischend, knurrend. Dann immer schneller rann sie an Matthew hinab. Verharrte wie ein gummiartiger Klumpen in seinen Beinen, bevor sie endgültig von ihm abließ.

Er öffnete die Augen und lächelte.

„… mit diesen Worten verabschiede ich mich. Tom Garner, aus dem erdbebengeschüttelten Chile.“

Erneut erschien der Nachrichtensprecher und machte ein betroffenes Gesicht. Matthew fragte sich, ob ihm jemand diesen Ausdruck auftrug oder seiner Gefühlshaltung entsprach.

Er schaltete das Fernsehgerät aus.

Die Stimme faszinierte ihn.

Sie half ihm.

Tom Garner aus dem erdbebengeschüttelten Chile.

„Erdbebengeschüttelt“. Matthew wurde das Gefühl nicht los, dass dieses Wort auf seltsame Weise zynisch wirkte und so gar nicht zu der Situation passte. „Geschüttelt“ klang nicht tröstlich, wenn, dann eher belustigend. Tom Garner ist vielleicht nur ein sarkastisches Arschloch, aber auch das war ihm egal, denn in seiner Stimme lag etwas Besonderes und nur das zählte.


Bereits seit vielen Jahren führte Matthew Gorderick Krieg gegen seine Angst vor der Nacht, der Dunkelheit im Allgemeinen. Diese Angst beherrschte ihn schon als Kind. Zusätzlich sorgte sein Kontrollwahn, seine Schüchternheit und einiges mehr erfolgreich dafür, dass er sich die meiste Zeit so einsam fühlte wie Robinson Crusoe. Jedoch ohne Freitag, dem Einheimischen, den der Schriftsteller Daniel Defoe seinem Protagonisten dankenswerter Weise zur Seite stellte. Wenn überhaupt, dann existierte in Matthews Leben die Figur des Freitag nur in Form von Arbeitskollegen. Sie erfüllten allerdings diese Rolle in nur lausiger Art: sie waren keine Freunde, sie sorgten sich nicht um sein Befinden und am Ende eines Arbeitstages verschwanden sie. Freitag mit nur kurzer Lebensdauer. Und das täglich, außer am Wochenende. Ein reziproker Sisyphus. Eine mystische Figur in der modernen Welt? Er, Matthew? Sollte es so sein, so konnte er getrost darauf verzichten!

In den vielen Schlachten, die er bislang gegen seinen Feind, die Dunkelheit, ausfocht, trug er nur wenige Siege davon. Leider.

„Bevor nicht die letzte Schlacht vorüber ist, ist der Krieg weder gewonnen, noch verloren.“

Die Frage ist, wann der Angriff zum finalen Gefecht geblasen wird. Woher weiß der Krieger, wenn es so weit ist? Genau diese Antwort bereitete Matthew jedoch Unbehagen. Sein Schwert wurde zwischenzeitlich stumpfer und seine Wunden verheilten immer schwerer.

Doch es gab auch Erfolge.

Als Kind bekam er nächtens regelmäßig so heftige Panikattacken, dass er so lange schrie, bis er vor Erschöpfung einschlief. Dies wiederum führte dazu, dass sein Körper, geschwächt und ausgezehrt, häufig kränkelte. Seine Pflegeeltern waren gute Menschen, nachsichtig und von übermenschlicher Gelassenheit. Bereits damals Matthew wusste nur zu gut, welche Bürde sie sich mit ihm auferlegt hatten.

Einer der Therapeuten lehrte ihm Atemübungen, mit denen er die Kontrolle über sich wieder gewinnen konnte. Dieser Psychiater, Dr. Trevor Faulin, war einer der Besten. Viele andere jedoch scheiterten an dem schwächlich wirkenden Jungen namens Matthew Gorderick. Dessen Beine so dünn waren, wie anderer Männer Oberarme und dessen rastloser Körper jeden buddhistischen Mönch problemlos aus seiner Meditation zu reißen imstande war.

Inzwischen blieb ihm nur, sich mit dem Unvermeidlichen zu arrangieren. Jetzt, knapp vor seinem dreißigsten Geburtstag, wird ein Außenstehender mit Sicherheit nichts Ungewöhnliches an ihm bemerken. Nicht mehr. Dessen war sich Matthew sicher. Er lernte, im Laufe der Jahre nach Außen hin normal zu wirken. Zumindest redete er es sich ein. Schließlich starrten ihn keine fremden Augen mehr an. Schließlich tuschelte man nicht mehr hinter seinem Rücken. Oder hatte sein Gehirn irgendwann entschieden, diese Dinge zu ignorieren? Müßig, darüber zu grübeln, befand er.


Sein Blick fiel abermals auf das Telefon, das mit arroganter Gleichmütigkeit schwieg. Seine Augenbrauen zuckten kurz, dann schaltete er den Fernseher wieder ein. Sein Brot musste noch gegessen werden. Matthew aß immer bei laufendem TV-Gerät. Immer.

Mit der Zeit begann Salami etwas eintönig zu schmecken. Da er sich jedoch nicht für andere Wurstsorten erwärmen konnte, blieb er dabei. Streichwurst wäre eine Alternative, doch dies warf wieder das Problem auf, dass er nicht wusste, wie viel er davon seinem Gaumen zumuten durfte. Auch die offene Frage, ob sie sich mit Butter vertragen würde, stellte ein nicht zu unterschätzendes Hindernis dar.

Natürlich könnte er einfach einen Test wagen. Einen Feldversuch starten. Doch Matthews Angst vor fulminanten körperlichen Reaktionen verhinderten diesen Schritt. Keine Risiken eingehen, keine Gefahren provozieren.

Ausgiebig kaute er jeden Bissen. Schluckte den Brei erst hinunter, wenn er zu einer wässrigen Masse zerkleinert wurde. Er war stolz auf seine Disziplin und davon besaß er eine Menge.


Morgen wird ein wichtiger Tag werden.

Matthew hörte von einer neuen Therapiemöglichkeit und diese wird er nun zum ersten Mal wahrnehmen. Dr. Susan Stanton, so der Name der Psychologin, führt Regressionstherapien durch, also jene Form der Hypnose, die den Patienten in seiner Zeit zurückführt. Bis vor kurzem belächelte die Wissenschaft diese Technik und sie wurde bestenfalls von Personen in Anspruch genommen die, spirituell ausreichend geprägt, um an die Wiedergeburt zu glauben. Menschen, die endlich erfahren wollten, wer sie in einem früheren Leben waren.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie sorgte nun für eine breite Akzeptanz innerhalb der wissenschaftlichen Fachgruppen. Es konnte bewiesen werden, dass der Einsatz der Regressionstherapie bei tief verwurzelten Phobien weit bessere Chancen versprach, als bisher angenommen.


Dr. Stanton war eine kleine Frau, die ihr Haar streng zurückgekämmt trug, sichtlich mehr als nur lediglich eine Wurstscheibe auf ihrem Brot aß und über einen Händedruck verfügte, dessen Festigkeit nicht nur vom Schreiben wissenschaftlicher Arbeiten herrühren konnte.

Matthew gab sich gelassen, lächelte freundlich und entschied sich dafür, seine Finger besser in der Hosentasche zu verkrampfen. Sein zeitweiliges Augenzucken dürfte der Therapeutin bislang entgangen sein, denn er konnte aus ihrem Verhalten nichts Gegenteiliges entnehmen. Auch Dr. Stanton besaß ein hohes Maß an Freundlichkeit und das Einführungsgespräch lief für beide Seiten zufriedenstellend ab. Nicht verwunderlich, da jeder für sich über ausreichend Routine darin verfügte. Anschließend erklärte sie Matthew den Ablauf der Hypnose und versicherte ihm, dass er sich keinerlei Gefahren aussetzen werde und die Erfolgsaussichten hoch wären. Der junge Mann war zuversichtlich. Lange her, dass er sich so etwas eingestand.


Eine Woche später fand sich Matthew erneut in Dr. Stantons Praxis wieder. Die erste Hypnosesitzung war geplant. Überraschend schnell fiel er in jenen Entspannungszustand, der für eine Rückführung notwendig war. Die Psychologin wies ihn an, in seiner Erinnerung um eine Woche zurückzugehen. Er befand sich nun in seinem Wohnzimmer, sah seinen Fernseher und der Nachrichtensprecher berichtete von einem Erdbeben in Chile. Tom Garners Stimme erklang. Matthew lächelte. Von weit entfernt hörte er Susan Stantons Stimme, die ihn an seinen sechsten Geburtstag zurück versetzte. Er sah sich in einem Zimmer sitzen. Wie klein er doch damals war. Matthew konnte nicht glauben, dass dieser dünne, blasse Junge einmal er war. Auch heute wiegte er bei einer Körpergröße von knapp eins achtzig keine siebzig Kilo, aber damals war er wirklich dürr gewesen. Der Junge wirkte traurig, schob achtlos ein rotes Feuerwehrauto über einen blauen Teppich mit grünem Karomuster. Das Zimmer war schmucklos eingerichtet, lediglich zwei Bilder mit Kinderzeichnungen an der Wand sorgten für eine gewisse Vertrautheit. Er hatte diese Zeichnungen gemalt. Ein Gefühl von Betrübtheit überkam ihn. Plötzlich ging eine Türe auf und eine Frau in der Tracht einer geistlichen Schwester kam herein. Sie hielt ein kleines Stück Torte mit einer Kerze darauf in beiden Händen und lächelte den Jungen höflich an.

„Wo befinden sie sich, Matthew?“

Dr. Stantons Stimme sprach von weit entfernt zu ihm.

„In einem Zimmer.“

„Sind ihre Eltern bei ihnen?“

„Nein.“

„Können sie ihre Eltern hören? Vielleicht sind sie ja nebenan.“

„Nein. Sie sind nicht hier. Eine Nonne bringt mir eine Torte.“

„Eine Nonne?“

„Ja. Ich befinde mich in einem Kinderheim. Ich habe keine Eltern.“

Plötzlich fiel es Matthew wieder ein. Jahrelang war ihm diese Erinnerung untersagt geblieben, doch jetzt sah er diesen Jungen, der einmal er war.

„Wie fühlen sie sich, Matthew?“

„Einsam.“

„Wo sind ihre Eltern, Matthew?“

Sein Atem beschleunigte sich.

„Ich weiß es nicht. Sie sind weggegangen.“

Dr. Stanton begann zu zählen. Bei »Fünf« beruhigte er sich wieder. Dies hatten sie vor Beginn der Sitzung vereinbart und es klappte hervorragend. Sobald die Therapeutin bis fünf zählt, wird sich Matthew Goderick komplett entspannen. Es half zuverlässig.

Sie führte ihn weiter zurück. Nun war er vier Jahre alt.

„Wo sind sie?“

„Ich lache.“

Matthew sah sich in einer Schaukel sitzen. Ein sonniger Tag und um ihn herum hörte er die Stimmen anderer Kinder. Er spürte einen sanften Druck in seinem Rücken und sah den Himmel. Jemand hinter ihm sorgte dafür, dass die Schaukel nicht an Fahrt verlor. Ihm wurde bewusst, dass er die Szene nun aus dem Blickwinkel des Kindes erlebte.

„Beschreiben sie, was gerade geschieht.“

„Ich spiele. Es macht Spaß und ich lache.“

Eine kurze Pause. Er begann zu glucksen.

„Es ist so schön hier. So viele Kinder in meinem Alter. Ich will nicht mehr weg von der Schaukel.“

„Wer ist noch bei ihnen, Matthew?“

Dr. Stantons Stimme riss ihn aus der Szene und er sah erneut den kleinen Jungen inmitten eines Kinderspielplatzes.

„Eine Frau. Sie wirkt traurig, aber sie lächelt. Ich glaube, sie freut sich, dass ich glücklich bin. Sie hat so schöne Haare. So lang. Aber sie hat auch Tränen auf der Wange. Und eine Verletzung an ihrer Lippe.“

„Wer ist diese Frau?“

Sein Lächeln erstarb.

„Meine Mutter.“

Matthews Atem wurde schwerer. Keuchend sog er die Luft ein, drückte seinen Rücken durch, um den Lungen möglichst viel Raum geben. Susan wies ihn an, sich wieder zu beruhigen und als dies nichts nützte, begann sie erneut zu zählen. Seine Atmung verlangsamte sich.

Einen Moment lang herrschte Stille in Dr. Stantons Behandlungszimmer. Lediglich das leise Ticken einer goldfarbenen Wanduhr war zu hören. Matthew atmete nun ruhig und entspannte sich.


„Ich möchte, dass sie nun zu jenem Tag gehen, an dem sie ihre Eltern das letzte Mal sahen.“

Abermals erschienen Matthew verschwommene Bilder.

Eine neue Szene baute sich in seinem Kopf auf. Kam es ihm so vor, dass Dr. Stanton gerade eben in einer tieferen Stimme sprach? Ihm fröstelte leicht und er drückte beide Arme näher an seinen Körper. Flüchtige Gedanken schossen durch seinen Kopf, während vor seinem geistigen Auge das Bild eines kleinen Einfamilienhauses inmitten einer Wohnsiedlung erkennbar wurde. Es hatte eine graue Holzfassade, die Eingangstüre und die Fenster waren weiß eingefasst. Links neben der Garage stand ein rotes Dreirad mit gelben Rädern. Matthew vermutete, dass es ihm gehörte. Das Haus könnte einen neuen Anstrich gut vertragen. Er näherte sich der Türe. Erst jetzt fiel ihm auf, dass es um ihn herum vollkommen still war. Keine Kinder, die spielten. Nicht einmal Vögel zwitscherten. Eine lauernde Ruhe, die ihn irritierte.

„Was siehst du, Matthew?“

Etwas in ihm sendete Warnsignale aus.

Die Stimme der Psychologin wirkte plötzlich achtloser und den geringschätzigen Tonfall konnte er nur schwer überhören. Er wollte die Augen öffnen, zwang sich, aus eigener Kraft munter zu werden.

„Beschreibe es mir.“

Matthew schaffte es nicht, von selbst aufzuwachen. Eine unsichtbare Kraft hielt ihn zurück. Ihm war, als ob er sich in einem tiefen Brunnen befand, dessen Öffnung man verschlossen hielt. Wieder stieg Angst in ihm hoch und er zwang sich, die Bilder nicht zu verlieren.

Konzentriere dich. Lass nicht zu, dass wieder Dunkelheit herrscht.

Er beschrieb die Szene.

„Gut. Und jetzt gehe weiter. In das Haus hinein.“

Hatte die Stimme etwas Triumphierendes? War Dr. Stanton noch hier oder hat jemand anderer ihren Platz eingenommen? Matthew zwang sich, seinen Kopf zu drehen, doch er war sich nicht sicher, ob er es auch wirklich tat.

„Los!“

Wie von einer unsichtbaren Kraft geführt, bewegte er sich auf den Eingang zu. Eine filigran wirkende Fliegengittertür mit einem weißen Aluminiumrahmen öffnete sich quietschend. Erst dann schob er die Eingangstüre auf. Sie war nicht verschlossen, sie war lediglich angelehnt. Im Haus lag der Geruch von abgestandener Luft. Modrig, warm, schwer. Es brannte kein Licht und herabgelassene Jalousien sorgten dafür, dass die Einrichtung in fahles Grau getaucht wurde. Matthew ging auf die Treppe zu. Im Raum rechts von ihm stand der Esszimmertisch. Er erkannte ihn sofort. Ein Stuhl war umgestoßen, lag seltsam verdreht am Boden. Scheinbar wütete vor einiger Zeit jemand in diesem Zimmer. Unbehangen machte sich in ihm breit. Etwas tief in ihm wusste sehr genau, was in diesem Haus passierte, doch noch konnte er dieses Wissen in seinem Käfig halten, es wegsperren.

Seine Atmung wollte wieder ausbrechen, doch Matthew legte ihr eine Leine um.

Erst jetzt merkte er, dass er die ganze Zeit sprach, jedes Detail beschrieb. Einen Moment lang hatte er das Gefühl, als ob Dr. Stanton schnaufte.

„Wo befindest du dich? Mach dich auf die Suche, Matthew.“

Kühle Luft brachte ihn zum Zittern, während sein Geist die Treppe emporstieg. Oben angekommen fiel sein Blick auf eine halb geöffnete Türe. Das Schlafzimmer seiner Eltern. Vor ihm befand sich sein Kinderzimmer. Leises Wimmern kroch unter dem Türschlitz hervor.


Matthew Gorderick lag auf der mit dunklem Leder bezogenen Liege und schüttelte den Kopf, bat darum, nicht weiterzumachen. Dr. Stanton ignorierte seinen Wunsch.

„Wenn du deine Ängste loswerden möchtest, dann musst du jetzt weitergehen. Los jetzt, Matthew!“

Die Kreatur in ihm war nicht mehr zu halten. Sie durchbrach den Käfig, erklomm die Freiheit und übergoss ihn mit heißer Lava aus verdrängten Erinnerungen. Gedankenfetzen durchfluteten sein Gehirn. Verschwunden Erhofftes forderte brüsk um Aufmerksamkeit. Bis jetzt bestand sein Schutz darin, die Erinnerungen wegzusperren, doch damit war es nun vorbei. Er weinte leise, während er sich nach links wandte.

Das Schlafzimmer war hübsch eingerichtet. Grüne Tapeten mit dezentem Blumenmuster, auf der linken Seite der weiße Schminkspiegel seiner Mutter, drapiert mit allerlei billigem Schmuck und Parfüm. Vor dem Bett lag ein dunkelgrauer Läufer, in dem seine Kinderzehen versanken, wenn er ihn betrat. Er liebte diesen weichen Teppich. Damals. Rechts neben der Tür stand der massive Kleiderschrank, dessen Türen nun weit geöffnet standen. Das elterliche Bett hatte ein Kopfteil aus hellem Stoff, die Decken und Kissen waren mit einem hellgrünen Baumwollstoff bezogen. Das Bett war unordentlich. Das Blut zeichnete hässliche Fratzen in die Laken.

Mit beinahe stoischer Gelassenheit betrachtete Matthew das Bild, das sich ihm bot. Er wusste es, eigentlich wusste er es schon immer.


Sein Vater hing an einer der Schranktüren. Erhängt mit seinem eigenen Gedärm, ein Fleischerhaken steckte tief in seinem aufgeschlitzten Bauch. Seine Mutter lag auf dem Bett. Sie röchelte und sah ihm direkt in die Augen. Tränen vermischten sich mit der blutigen Masse, die einst ihr Gesicht war. Über ihr hockte ein schuppiges Wesen, zwei ledrige, faltige Flügel auf dem muskulösen Rücken, die dunkelbraune Haut stellenweise rot glänzend vom Blut seiner Eltern. Den Kopf in ihren aufgerissenen Körper geschoben, hatte das gleichmäßige Schmatzen beinahe etwas Absurdes. Der Dämon war hungrig. Plötzlich hob er den Kopf und starrte in Matthews Richtung. Seine Fratze, von Pockennarben übersät, ähnelte einer zerklüfteten Felswand, seine übergroßen Augen wirkten wie tiefe Höhlen im Stein. Der Dämon hatte keine Pupillen. Sein Pfauchen erinnerte an eine Katze kurz vor dem Angriff. An ein durch und durch bösartiges Tier. Er schien ihn zu taxieren, doch dies war unmöglich, denn Matthew war nicht wirklich in diesem Raum, dies hier waren lediglich Bilder längst vergessener Erinnerungen.

Erst jetzt merkte Matthew, dass er nicht ihn anstarrte, sondern ein kleiner Junge das Schlafzimmer betrat.

Er war es, dessen Wimmern er vorhin hinter der Türe hörte. Ihm wurde klar, dass er selbst dieser kleine Junge war. Ein ängstliches, dünnes Kind, das mit verweinten Augen dastand und auf das Bett starrte. Der Dämon grinste. Er deutete dem Jungen, näherzukommen.

Matthew Gorderick verkrampfte seine Hände und begann zu schreien. Doch nun gab es niemanden, der ihn beruhigte. Keine Dr. Stanton, die langsam bis fünf zählte. Kein Dr. Faulin, der ihm Atemübungen vorschlug. Er schrie und niemand versuchte ihm zu helfen. Er wollte das Kind warnen, wollte sich selbst warnen, doch gleichzeitig wurde ihm auch klar, dass er die Vergangenheit nicht zu ändern imstande war. Während seine Lungen zu brennen anfingen und seine Stimme langsam den Dienst versagte, ging das Kind auf den Dämon zu. Eine der Klauen dieses Wesens griff in den geöffneten Körper der Frau und holte, von einem hässlichen Knacken begleitet, ein Stück Rippe heraus. Ein Stöhnen verriet, dass es seiner Mutter noch nicht vergönnt war, zu sterben. Der Junge nahm den Knochen und begann, das Fleisch abzunagen.

Matthew wand sich, wollte aufwachen, doch es war ihm unmöglich, sich zu bewegen. Mit heiserer Stimme bat er Dr. Stanton endlich damit aufzuhören, doch sie lachte nur.

„Weißt du jetzt, wer du bist? Und ist dir nun klar, wer ich bin? Du bist verdammt, Matthew Gorderick. Verdammt, seit du das Licht dieser Welt erblickt hast!“

Während der kleine Junge grinsend das Fleisch seiner Mutter aß, veränderte sich der Dämon. Einen Moment später blickte Matthew in das Gesicht von Dr. Susan Stanton, seiner Therapeutin. Sie hockte auf seiner Mutter, riss ein Stück Fleisch aus ihrem Körper, führte den Brocken an ihrem Mund und zerkaute ihn langsam. Die Augen der Psychologin waren währenddessen starr auf ihn gerichtet.


„Ich möchte aufwachen! Wecken sie mich endlich auf, Dr. Stanton!“

Krächzend bettelte er darum, dass dieser Irrsinn aufhörte. Weit entfernt vernahm er ein Lachen.

Wieder konnte er ihre Stimme hören, während er als kleiner Junge genussvoll seine eigene Mutter Stück für Stück fraß.

„Du verstehst es noch immer nicht. Du BIST wach, Matthew Gorderick. Die ganze Zeit über befandest du dich in einem Traumzustand. Deine Arbeit, deine Wohnung, dein Leben, all das war niemals real.“

Dr. Stanton verwandelte sich wieder in den Dämon, richtete sich auf und stieg gemächlich vom Bett. Er überragte Matthew um mindestens einen Kopf.

„Du befindest dich seit diesem Tag, als das alles hier passierte, in einer Art Koma. Du bist ein medizinisches Rätsel, Matthew. Die Ärzte fanden dich in diesem Haus. Ein Kind, das auf keine Reize reagierte, wie tot schien, aber dennoch lebte. Seitdem liegt dein Körper in einer Klinik, mit Schläuchen, die dich am Leben erhalten.

Dein ganzes Dasein bestand aus Träumen, genährt von den Dingen, die dein Geist aufschnappte, wenn sich das Klinikpersonal in deiner Nähe unterhielt. Du willst wissen, was mit dir geschah? Jetzt erfährst du es. Du bist das erste Mal erwacht. Dazu verdammt, deine Eltern zu fressen, Matthew Gorderick. Das ist dein Schicksal, der Fluch deiner Familie.

Nichts ist so, wie es scheint!“

Der Dämon begann zu lachen. Plötzlich stimmten alle anderen mit ein: Seine toten Eltern, sogar der kleine Junge, der er selbst war, verzog sein blutverschmiertes Gesicht zu einer kichernden Fratze.


Sie sahen ihn an.

Keine Bilder längst vergangener Erinnerungen mehr, sondern Matthew stand in diesem Zimmer und konnte den Teppichboden unter seinen Füßen fühlen.

Wie weich er doch war.

Alles um ihn herum drehte sich. Was passierte mit ihm? Wieso war er jetzt tatsächlich anwesend? Tief in seinem Inneren rief Dr. Faulin ihm zu, erinnerte ihn an die Atemübungen. Doch diese halfen nicht mehr, nicht in dieser Situation. Matthew wollte zurückweichen, da wand sich sein toter Vater zu ihm, sah ihn an.

„Du willst wissen, wer ich bin?“

Die Stimme kam ihm vertraut vor. Er kannte sie. Matthew riss die Augen auf, starrte auf den schrecklich entstellten Mann.

Er sah in das Gesicht von Tom Garner, dem unsichtbaren Sprecher.

zurückKurzgeschichten.html

Matthew, ein junger Mann leidet unter panischer Angst vor der Dunkelheit. Er erfährt von einem neuen Verfahren, das sehr vielversprechend klingt. Doch schon bald begibt er sich auf eine Reise zu einer Wahrheit, die er nie erfahren sollte.