Vernunftbegabt
 
Kurzgeschichte: Die Groupies

Wenn ich die Möglichkeit hätte, mein Leben nochmal zu beginnen, was würde ich ändern?

Nichts! Es ist alles Perfekt, so wie es ist. Jede Änderung wäre ein Rückschritt!


Wie wundervoll sich diese Welt mir eröffnet! Ich schließe meine Augen und strecke die Arme von mir. Sonnenstrahlen, die durch das Fenster dringen, mich wärmen. Ich genieße diesen Moment. Behaglichkeit breitet sich in meinen Körper aus, durchflutet ihn, wandelt mein Blut in reinste Energie um. Ich fühle mich stark, ausgeruht. Es fühlt sich an, als ob ich ein Jahr geschlafen hätte und nun bereit bin, Großes zu vollbringen. Sanfte Töne umspielen mein Ohr. Ein Luftstrom, der über die Saiten einer Harfe streicht, dezente Klänge entfernter Instrumente.

Mein Leben ist Musik, ich denke in Harmonien, atme Töne. Wenn sich meine Augen öffnen, erschließt sich mir die Welt als ein gewaltiges Orchester!


Schon immer war Musik Teil meines Lebens. Bereits als kleiner Junge sah man in mir ein Wunderkind. Schon damals begeisterte ich bei Musikaufführungen meine Zuhörer. Gerade groß genug, um alleine auf den Stuhl klettern zu können, bewegten sich meine kleinen Finger auf artistische Weise über die Tasten des Klaviers. War es zu Beginn noch die Klassik, der meine Leidenschaft galt, so entdeckte ich einige Jahre später die moderne Musik. Rock‘n Roll holte mich ein. Mit dreizehn Jahren begann ich, eigene Stücke zu komponieren. Belanglose, seichte Liedchen, doch meinen Klavierlehrer begeisterte ich damit. Er schickte mich zum Vorspielen auf die Musikhochschule und man war hingerissen von mir. Sie nahmen mich auf, und seit diesem Zeitpunkt besuchte ich neben dem Gymnasium auch noch das Konservatorium. Ich spielte und lernte, lernte und spielte. Meinem Klavierlehrer habe ich viel zu verdanken. Er förderte mich, brachte mich mit den richtigen Leuten zusammen und meine Eltern unterstützten diesen Weg.

Ich denke gerne an die früheren Zeiten zurück. Die unbeschwerte Epoche meines Lebens. Die Leichtigkeit, mit der diese Welt mir begegnet ist und mit der ich ihr entgegen trat.


Die Schritte hallen durch das Haus. Ich kann zufrieden sein mit meinem Leben. Die Musik hat mich reich gemacht. Mit ihr wurde ich zu einem besseren Menschen. Meine Hände streichen über die Oberfläche des Steinway-Flügels. Schon damals wusste ich, dass ich dieses Klavier einmal besitzen werde. Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich den Musikladen betrat und mir das elegante, schwarz glänzende Instrument sofort ins Auge stach. Nie vergesse den Moment, als meine Finger ehrfurchtsvoll die Tasten berührten und die ersten Töne erklangen. Ein herrliches Musikinstrument!

An diesem Tag veränderte sich mein Leben. Jeder in dem Laden konnte es spüren. Ich spielte und spielte, und als ich mich von der Klavierbank erhob, formten meine Lippen nur vier Worte: „Ich möchte ihn haben.“ Mir schlug mein Herz bis zum Hals, denn es war eine tiefgreifende Entscheidung, weil diese Anschaffung in Wirklichkeit weit über meinem Budget lag.

Ich nahm einen Kredit auf, denn ich musste diesen Flügel haben. Koste es, was es wolle! Liebe auf den ersten Blick!


Ein Schmunzeln huscht über mein Gesicht.


In einem Alter von knapp zwanzig Jahren kaufte ich den Steinway. Über achtzigtausend musste ich für ihn bezahlen. Die Hälfte davon gab mir mein Vater und den Rest musste ich selbst aufbringen.Was für ein Irrsinn! Wenn ich heute daran denke, dann wundere ich mich, dass mein alter Herr damals mitspielte. Er war ein toller Vater, der leider viel zu früh starb.

Nun begleitet mich der Steinway bereits seit vielen Jahren, ist die imposante Zierde meines Wohnzimmers. Hier sitze ich die meiste Zeit des Tages, komponiere oder bereite mich auf meine nächste Tournee vor.

Bald wieder eigene Konzerte geben? Seit einiger Zeit bedrängt mich mein Manager, meint, ich solle über eine Konzertreihe nachdenken. Die Letzte sei schon über zwei Jahre her und meine Fans werden langsam unruhig, lässt er mich jedes Mal aufs Neue wissen. Ich weiß nicht. Bedächtig schüttle ich den Kopf, während meine Finger dem Klavier eine sanfte Harmonie entlocken.


Erst vor kurzem kam ich von einer Europa-Tournee mit U2 zurück. Sie hatten mich gefragt, ob ich bereit wäre, als Special Guest mit ihnen aufzutreten. Acht Konzerte spielten wir, und unser Auftritt in Moskau war besonders beeindruckend. 75.000 Menschen, die sich die Seele aus dem Leib brüllten, als ich die Jungs von U2 bei „Hold me, Thrill me, Kiss me, Kill me“ am Stagepiano begleitete. Mann, wie die Halle kochte!


Ich fühle mich etwas ausgepowert, doch Mike, mein Manager, hat schon recht. In den kommenden zwei Jahren ist keine neue Produktion geplant und wenn im Frühjahr ein „Best of“-Album von mir auf dem Markt erscheint, muss ich die Verkäufe anheizen. Eine eigene Tour wird sich wohl nicht vermeiden lassen.

Puh, die ganze Vorbereitung.

Die Songs einspielen, unzählige Tage im Studio mit den anderen Musikern aufwenden, bis wir zu einem musikalischen Ganzen verschmelzen. Die Promotion-Tour, Interviews geben, als Gast in TV-Shows auftreten, Radiotermine, all diese Dinge müssen natürlich sein, aber ich wünschte, man könnte darauf verzichten. Einfach mit meinem Klavier auf der Bühne stehen, die imposante Lichtshow betrachten, die Energie des Publikums einsaugen. Den Moment genießen, wenn ich die ersten Töne einer meiner Balladen anspiele und der Herzschlag tausender Menschen auszusetzen scheint. Bis zu dem Moment, wo das Schlagzeug einsetzt und den Boden förmlich zum Erbeben bringt. Kawumm!


Während ich am Klavier gedankenverloren improvisiere, drängt sich plötzlich eine Melodiefolge in den Vordergrund. Ein Lächeln umspielt mein Gesicht und ich schalte den Zoom H2 ein, das digitale Aufnahmegerät.


In jungen Jahren, als ich mit dem Komponieren begann, unterlag ich der irrigen Annahme, dass sich eine plötzliche musikalische Eingebung intellektuell konservieren lässt. Dass es genügt, eine spontan entwickelte Harmoniefolge einfach mehrmals zu wiederholen und diese sich automatisch ihren Platz im gedanklichen Speicher sichert. Zu dieser Zeit ging ich üblicherweise einige Zeit später daran, meine Ideen zu erfassen. Anfangs schrieb ich die Noten auf ein Stück Papier. Erst später begann ich diese Fragmente auf einem Aufnahmegerät zu verewigen. Auch nahm ich mir früher vor, Ideen, die mir vor dem Einschlafen einfielen, für den nächsten Tag in meinem Kopf zu speichern und diese erst dann zu erfassen.


Heute ist mir bewusst, wie naiv ich war! Musik lässt sich nicht „intellektuell erfassen“, Musik ist Leidenschaft, ist Leben! Musik ist die Summe aller Empfindungen! Wie kann man nur annehmen, etwas solch Wunderbares mit trivialen Techniken wie der menschlichen Merkfähigkeit überlisten zu wollen?

Damals war ich nicht naiv, ich war ein Narr! Arrogant und Ignorant genug, brachte mich diese Phase um viele großartige Kompositionen. Auch heute noch könnte ich mich dafür ohrfeigen!

Nein, Musik lässt sich nicht gedanklich erfassen, wenn sie sich erst kurz zuvor manifestiert hatte. Ich kann mir zwar eine Melodiefolge merken, kann mich an Harmonien erinnern, jedoch werde ich niemals die wichtigen Feinheiten zu reproduzieren imstande sein, die der Musik Leben einhauchen: Tempi, Betonung, Rhythmik und vor allem die Empfindung, während ich spiele! Der Zauber des Augenblicks muss in seiner Gesamtheit eingefangen werden können. Anders funktioniert es nicht!

Diese Erkenntnis erschloss sich mir aber erst später und seit dieser Zeit trage ich immer ein Aufnahmegerät und Schreibmaterial bei mir.


Sobald ich eine Idee habe, sei es in der Nacht während des Schlafens, wenn ich durch die Straßen laufe oder mich im Kreis anderer Leute befinde, sobald ich eine Idee habe, die Muse mir einen Besuch abstattet, halte ich diesen Zauber des Augenblickes fest. In dieser Sache bin ich kompromisslos! Egal wo ich mich befinde und in wessen Gesellschaft, nie wird es jemals wieder passieren, dass ich einen musikalischen Gedanken davonziehen lasse.

Niemals wieder! Das hatte ich mir vor Jahren geschworen und es hat mich zu dem Star gemacht, der ich heute bin.


Ich lege den Kopf in den Nacken, betrachte meine Finger, die mit der Tastatur zu verschmelzen scheinen. Während ich meinen Gedanken nachhing, spielte ich unaufhörlich Melodien, die sich mir aufdrängten.

Meine Improvisationen steuern nun auf ein fulminantes Finale zu. Meine Finger jagen über die Tasten, ich erlaube dem Instrument keine Atempause. Ein bestimmtes musikalisches Thema drängt sich in den Vordergrund, fordert von mir Wiederholung. Es fügt sich gut ein. Lächelnd spiele ich diese Notenfolge in Eb-Moll erneut. Alles um mich herum verschwindet, ich werde eins mit dem Klavier. Das Finale hat ein Andante verdient und das gönne ich ihm jetzt, eingebettet in einem fordernden Fortissimo. Tief über die Tastatur gebeugt bewegt sich mein Körper im Stakkato der Melodie. Eine kleine Variante, sie wechselt von Eb-Moll in Bb-Dur. Erschrocken ziehe ich meine Stirn kraus, die Finger betrachtend, als ob diese sich von meinem Körper lösen würden. Dissonante Akkordfolgen schicken sich an, die Variation wieder aufzuheben. Ich lächle erneut. Werfe meinen Kopf zurück. Die Melodie! Hier ist sie wieder. Ein vertrautes Bild umschmeichelt meine Ohren, eine heimkehrende Liebe. Es ist, als ob ich ewig auf sie gewartet hätte, eine beruhigende Erinnerung an glückliche Momente.

Mit der linken Hand schlage ich eine wuchtige Gb-Oktave an, löse sie in einer lieblichen Melodiefolge im Diskant wieder auf, beruhige den Bass. „Es ist gut, du brauchst nicht zu zürnen“, stimme ich ihn sanft, während meine rechte Hand alles versöhnende Töne spielt. Der Bass hat Einsicht, spielt ein Bb im Mezzoforte, lässt ein sanfteres Db folgen. Doch was ist das? Mein Kopf schickt sich an, in den Nacken zu fallen. Kurze Akkorde lösen die Melodiestimme ab! Die Melodie weicht dem Drängen der göttlichen Urkraft. Im Takt zuckt mein Kopf und peitscht meine Finger an.

Etwas in mir beginnt zu schreien und der tiefe Schlussakkord bringt mich auf die andere Seite des Universums zurück.


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„Was hat der Patient?“ Der junge Arzt sieht zu seinem Vorgesetzten hinüber.

„Offensichtlich haben wir es hier nicht mit einem Tremor zu tun. Spastische Symptome in Verbindung mit einem myokloniden Phänomen?“, rät er.

„Nein“.

Der Professor lächelt und blättert in der Krankenakte.

„Bei diesem Patienten haben wir es mit einer schweren Form eines Burnout-Syndroms zu tun, in Kombination mit schwerwiegenden Tics als Ausdrucksform einer Posttraumatischen Belastungsstörung.“

„Dr. Stefan Johs betrachtet den Professor einen kurzen Moment lang und lenkt seine Aufmerksamkeit wieder auf den Patienten, dessen Kopf wilden Zuckungen ausgeliefert ist.

„Darf ich fragen, welcher Art das Trauma ist?“

Jetzt betrachtet auch Professor Schneider den jungen Mann und ein sanftes Lächeln entweicht ihm.

„Es ist ein trauriger Fall. Dieser junge Patient ist - war - Musiker und seine unermüdlichen Versuche nach Anerkennung haben ihn zu einem Einzelgänger gemacht. Ich gehe davon aus, dass sich bereits vor Jahren einfache motorische Tics bei ihm ausgebildet haben. Als er schließlich einen Autounfall erlitt und seine rechte Hand dabei verlor, fiel er in diesen Zustand, wie sie ihn jetzt sehen.“

Dr. Johs betrachtet den am Handgelenk amputierten Rest des Armes. Er schluckt.

„Wie schrecklich. Hatte er denn Erfolg als Musiker?“

Erneut wirft den Professor einen Blick in die Unterlagen und sammelt seine Gedanken. Eine unbewusste Geste. Eine Art Erinnerungshilfe.

„Soweit mir bekannt ist nicht. Seine Mutter erzählte mir, dass er von Musik schier besessen sein musste. Alles in seinem Leben drehte sich darum, aber die traurige Tatsache ist, dass sich niemand für ihn interessierte.“

Dr. Johs zieht die Augenbrauen hoch. Der Professor antwortet mit einem Schulterzucken.

„Seine Mutter vertraute mir an, dass ihr Sohn scheinbar zu wenig Talent besitzt. Obwohl er es so sehr wollte, er war nicht mehr als Durchschnitt.“


Der Kopf des Patienten wiegt sich unkontrolliert hin und her, während der rechte Arm immer wieder kleine Kreise in die Luft zu zeichnen scheint.


Prof. Schneider atmet gedehnt ein.

„In der Unfallklinik haben sie ein schweres Schädel-Hirntrauma vermutet, weil er keine Reaktion zeigte. Das CT ließ aber keine Hinweise darauf erkennen und man war sich völlig unschlüssig, was mit ihm los sei.“

Er reibt sich über den Nasenflügel und schiebt seine Brille zurecht.

„Bis der Neurologe sich der Sache annahm. Tja, und sobald er transportfähig war, brachte man ihn zu uns.“

„Nimmt er uns wahr?“

Der Chefarzt schüttelt den Kopf.

„Nein, er ist in seiner Welt und bis jetzt hat er auf keine wie auch immer geartete Therapie angesprochen. Ein wirklich trauriger Fall. Ein so junger Mensch, mit 28 Jahren.“

Er unterbricht sich, hebt die kleine Spieluhr in Form eines Klaviers auf und legt sie dem Patienten wieder in die linke Hand. Dieser greift sofort danach und zieht sie an sich, ohne den Arzt zu beachten. Der Professor stößt ein langgezogenes Seufzen aus.

„Zu Beginn lag er nur da, dann begannen wir mit medikamentöser Behandlung und er schien endlich zu erwachen. Wissen Sie, was ich meine?“

Dr. Johs nickt.

„Nun, endlich war er wieder so etwas wie munter, doch ab diesem Moment schrie er nur noch. Er schrie und schrie. Wir mussten ihn sedieren, nur so konnten wir ihn ruhig stellen. Sie wissen selbst, dass das keine dauerhafte Lösung ist.“

Dr. Johs nickt abermals. Sein Blick fixiert die wild gestikulierende Hand.

„Das Schreien hörte erst auf, als ihm seine Mutter diese Spieluhr brachte. Als kleiner Junge hatte er sie geschenkt bekommen. Ein Weihnachtsgeschenk, erzählte sie mir. Sie sagte mir auch, dass er ab diesem Tag ständig die Melodie dieses kleinen Klaviers hörte und von da an wollte er dieses Instrument spielen lernen. Eine wirklich traurige Geschichte.“

Der Professor schiebt sich abermals seine Brille zurecht.

„Wie lange ist er schon hier, Herr Professor?“

„Seit über drei Jahren. Kommen Sie, wir müssen mit der Visite weitermachen. Schließlich sollen Sie an ihrem ersten Tag alle Patienten kennen lernen, nicht wahr?“


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Groupies sind das Schlimmste, finde ich. Zu Beginn ist es ja witzig, immer mit anderen Frauen Sex zu haben. Natürlich gefällt es mir, wenn sich andere Frauen mir anbieten. Welchem Mann schmeichelt so etwas nicht? Aber irgendwann will man seine Ruhe haben, alleine sein. Nicht als Star betrachtet zu werden, sondern als jener Mensch, der man eigentlich ist.

Ich stehe auf und schließe den Deckel der Klaviatur. „Auch das wird wieder ein Welthit“, murmle ich zufrieden und hole die Speicherkarte aus dem digitalen Aufnahmegerät.

„Das Solo wird diesmal von einer E-Gitarre kommen, akustisches Schlagzeug, alles sehr old school. Ist im Moment sehr im Trend.“ Meine Gedanken überschlagen sich und ich kann es kaum erwarten, bis ich im Studio sitze und mit dem Arrangieren beginne.


„Diese Groupies! Stehen einfach da und glotzen mich an. Ich mag es nicht, wenn man mich anglotzt. Entweder man fragt mich nach einem Autogramm oder man hält sich zurück!“, ärgere ich mich.

Schließlich bin ich ja kein Tier, dass man im Zoo betrachtet. Ich starre ja auch nicht alle an, oder?

„Nur weil man ein Star ist, haben nicht automatisch alle das Recht, mich zu benutzen“, stelle ich fest und nicke zufrieden. Genau, das ist es. Man hat nicht das automatische Recht, mich zu benutzen. Ich denke, dass wird auch der Titel meines neuen Songs werden. Klingt gut, hat Potential.

Komische Groupies. Seltsam, die Fans heutzutage.

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Beschreibung: Diese Geschichte erzählt von der Gedankenwelt eines Musikers.

Mehr soll an der Stelle nicht verraten werden. ;-)