Vernunftbegabt
 
Kurzgeschichte: Den Finger am Abzug

Glamoc


Wonach Erde schmeckt?

Etwas bitter, ein wenig seifig. Jedenfalls hat man das Gefühl, sie würde nie mehr aus dem Mund verschwinden wollen. Sie schmeckt aber auch nach Sicherheit und Hoffnung. Hoffnung darauf, einen solchen Moment zu überleben.

Während ich hier zusammengekauert hinter einer kleinen Erhebung inmitten einer großzügigen Wiese liege und mein Gesicht in den kühlen Boden presse, fühle ich mich einen Augenblick lang beinahe geborgen. Projektile, die immer wieder in unmittelbarer Umgebung in den Boden klatschen, Salven von Schnellfeuergewehren aus den eigenen Reihen, die hektischen Rufe des Kommandanten. Auf nahezu schmerzhafte Weise werde ich wieder aus meinen Gedanken gerissen.

Rechts neben mir drückt sich Sergej in seine Deckung. Als Antwort auf mein aufmunterndes Kopfnicken presst er seine Lippen zusammen und rollt mit den Augen. Ich werfe einen Blick nach links und zwinkere Joe zu, ein verkappter Clown aus Hermagor in Kärnten. Er ist der Spaßvogel der Truppe und wenn auch nicht jeder seine Worte versteht, seine Grimassen haben noch jeden zum Lachen gebracht. Sogar Sergej, den ständig missmutig wirkenden Ukrainer. Jeder findet auf seine Weise einen Weg um die täglichen Erlebnisse zu verarbeiten. Wenn es soweit ist, hilft das Adrenalin jegliches Denken auszuschalten und das Töten erträglich zu machen.

Adrenalin ist wie eine Droge. Es führt einen in ein Gefühl der Überlegenheit. Für eine kurze Zeitspanne denkt man tatsächlich, man hat sich mit dem Schicksal arrangiert, und es geleitet einen durch eine Dornenhecke des Grauens.

Man agiert, man hasst und man vernichtet. Der Körper, der Geist nimmt wahr, reagiert, und er will überleben. Schonungslos und ohne Kompromisse. Sobald die Droge Adrenalin aber nachlässt, sobald man wieder Herr wird über seine ureigenen Gedanken und Emotionen, sobald die Moral wieder aus ihrem Exil zurückkehrt, öffnet sich ein tiefes Loch eines brodelnden Nichts.

Was ist Moral? Was ist sie wert? Wie oft habe ich in den letzten Wochen über diese Frage nachgedacht? Erst wenn man mit ansieht wozu Menschen fähig sind, welche Qualen sie verbreiten und zu erleiden imstande sind, beginnt sich der Begriff „Moral“ Schritt für Schritt zu pervertieren. Lächerlich erscheinen dann die moralischen Grundwerte einer funktionierenden Gesellschaft. Es drängt sich die Frage auf, ob es nicht ein grundlegender Fehler der menschlichen Rasse war, als Gemeinschaft diesen Planeten zu bevölkern. Der Mensch ist eine Bestie und nur seine Intelligenz hilft ihm, sich halbwegs unter Kontrolle zu halten. Die Moral selbst, als eine Art ethischer Verhaltenskodex einer Kultur oder einer Gruppe, ist lediglich ein weiteres Gitter um jenen Käfig zu verstärken, der die Bestie im Menschen im Zaum hält.


Wir befinden uns vor einem Dorf in der Nähe von Glamoc, irgendwo zwischen Kroatien und Bosnien-Herzegowina. Das Dorf, oder vielmehr was von ihm nach etlichen Bombardements übrig blieb, wird von einer serbischen Einheit gehalten. Sie hat sich in den Ruinen verschanzt, und vor allem die Heckenschützen machen einem das Leben schwer.

Wir, das ist ein kleiner Trupp bestehend aus ungefähr sechzig Mann, zum Teil kroatische Armee und der andere Teil besteht aus Söldnern. Abenteurer, Soldaten, die endlich Krieg spielen wollen, Neonazis und Soziopathen die darauf brennen zu erfahren, wie es ist, einen Menschen zu töten. Die Söldner meldeten sich seit Kriegsbeginn aus allen möglichen Ländern Europas bei der kroatischen Armee und diese nahm sie dankbar auf. Auch ich gehöre zu ihnen und ich zähle mich zu den kriegsspielenden Soldaten. Nach einer Ausbildung bei einer militärischen Spezialeinheit des österreichischen Heeres war ich verrückt genug, mich der Idee eines Kameraden anzuschließen. Warum auch nicht? Ein Soldat ist per Definition unbesiegbar, nicht wahr? Empirische Defizite gepaart mit der intellektuellen Unzulänglichkeit eines jungen Menschen treiben manchmal sonderbare Blüten. Vor allem, wenn diesem Rezept eine Trotzhaltung gegenüber des gut bürgerlichen Elternhauses beigemengt wurde.


Ich hebe kurz meinen Kopf, versuche zwischen dem hohen Gras etwas zu erkennen, eine Ahnung zu bekommen, welcher Weg in das Dorf führen könnte und wo die Stellungen des Feindes liegen. Schnell vergrabe ich mein Gesicht wieder im Boden, denn sofort hört man das Pfeifen von Projektilen. Ein kurzer Blick, nicht mehr. Sobald ein Scharfschütze die Position eines Feindes ausmachen kann, wird er darauf lauern, bis dieser sich ein weiteres Mal zeigt. Dummerweise bin in diesem Falle ICH der Feind.

„Wir gehen jetzt rein! Die linke Flanke gibt Feuerschutz und die Rechte macht sich zum Vorstoß bereit!“ Die Worte des Kommandanten, in gebrochenem Englisch formuliert, lassen sich am besten als „unterdrücktes Brüllen“ beschreiben.

Es wird ernst. Ich gehöre der rechten Flanke an und ein Gefühl als ob ein Messer meinen Magen zerschneiden würde, lässt Adrenalin in mein Gehirn schießen. Der Moment der Verwandlung, die Metamorphose vom Menschen zum Krieger, zum Killer. Dieser Moment ist nun gekommen.

Ich rolle mich nach rechts um meine Position zu verändern und dem Heckenschützen auf der anderen Seite keinen weiteren Abschuss zu gönnen und bewege mich halb kriechend, die AK 47 mit einer Hand fest an meinen Körper gedrückt zum Ausläufer des Hügels. Noch ist Deckung vorhanden, doch gleich müssen wir uns in offeneres Gelände wagen. Der Kommandant weist uns an, bestmöglich verteilt zu agieren, um dem Feind weniger Ziele zu bieten. Er beginnt zu zählen, das Zeichen loszulegen. Ein kurzes „Go!“ ertönt zischend im Sprechfunkgerät und mit der Präzision eines Symphonie-Orchesters bricht die Hölle los.

Das MG-Feuer zielt vorwiegend auf höher gelegene Positionen im Dorf, Hausdächer beispielsweise, um die Scharfschützen zu beschäftigen. Ab und an kann man den Mörser hören. Dieser wird nur sparsam eingesetzt, denn der Vorrat an Granaten ist knapp.

Ich bin an der Reihe. Mein Herz schlägt so stark als ob es mich ersticken wolle und die Angst lässt mich wie ein gehetztes Tier agieren. Ein letzter Blick auf mein vorher ausgemachtes Ziel, eine Baumgruppe am Rande eines Abhanges, der in einem Bach mündet. Zwei andere Soldaten liegen bereits dort, also ist auch noch Platz für mich vorhanden. Geduckt laufe ich los und schlage mehrere Haken, als ich plötzlich ein kurzes Pfeifen, gefolgt von einem klatschenden Geräusch hinter mir höre. Wenn ein Mensch von einem Projektil getroffen wird, klingt es oftmals so, als ob man einen Stein in seichtes Wasser wirft. Ich drehe mich nicht um, sondern ich versuche zu überleben, eine weitere Etappe meines Lebens erfolgreich zu meistern.

Nachdem ich mich in die Deckung geworfen habe, blicke ich den Weg hoch und sehe Sergej. Für einen kurzen Moment liegt er regungslos am Rücken, dann dreht er sich auf die Seite und krümmt seinen Körper. Er wurde am Bauch getroffen und instinktiv presst er seine Hände gegen die Stelle. Hinter mir brüllt der Kommandant auf Kroatisch etwas in das Funkgerät. Niemand hilft dem Ukrainer, er liegt einfach nur da, alleine mit seinem Schmerz und seiner Hilflosigkeit. Ihn retten zu versuchen wäre viel zu gefährlich, denn auf solche Aktionen warten Scharfschützen geradezu.

„Go! Go!“, ertönt es hinter mir und ich suche mir das nächste Ziel. Wir müssen weiter, das Dorf erobern und vor allem nahe genug an die Gebäude kommen, damit die Heckenschützen einen nicht mehr erfassen können. Ich verkrieche mich hinter den Überresten eines umgekippten Traktors. Nur noch maximal siebzig Meter beträgt nun die Distanz zu den ersten Gebäuden des Dorfes. Kurz wage ich es meine Deckung zu verlassen und jage eine Salve in Richtung einer Scheune. Dort glaube ich einen Scharschützen der Serben gesehen zu haben, ziehe mich wieder zurück, lege mich flach auf den Boden, um von dieser neuen Position aus noch mal einen Blick zu riskieren. MG-Projektile jagen in unmittelbarer Nähe klatschend in Hausmauern. Niemand zu sehen, ich laufe erneut los.

Als ich meinen Körper an eine Hauswand werfe und tief durchatme, wandern meine Augen suchend die kleine Straße entlang. Sergej liegt nach wie vor da und dürfte vor Schmerzen schreien, zumindest deutet sein sich immer wieder öffnender Mund darauf hin. Der Kommandant brüllt einen Befehl auf Kroatisch, um uns gleich darauf ein warnendes „Stay! We try to help Sergej!“, zu schicken. Wenn die Gruppe verteilt ist, wie gerade der Fall, werden die Kommandos von Mann zu Mann weitergeleitet. Stille Post im Krieg.

Kurz darauf jagen unsere MGs eine Salve nach der anderen ab und der Lärm wird ohrenbetäubend. Gleichzeitig laufen zwei Mann zu dem verwundeten Soldaten und zerren ihn zum Hügel zurück. Jetzt glaube ich, seine Schreie hören zu können. Natürlich ist das nicht möglich, denn dafür ist der Gefechtslärm zu laut und Sergej zu weit entfernt.

In solchen Situationen schweifen meine Erinnerungen für kurze Augenblicke gerne mal zu Dantes Inferno ab. Ein kleiner Ausflug in die Welt des geistigen Irrsinns.


Wir werden schnell in Gruppen eingeteilt, durch Handzeichen, eigentlich beinahe unnötig, da die Teams sowieso immer gleich bleiben. Es sei denn, man verliert jemanden aus der Gruppe, so wie wir gerade eben. Nun arbeiten sich Teams von fünf bis sechs Mann Haus für Haus vorwärts. Häuserkampf ist etwas Schreckliches, da einem die Übersicht fehlt und nicht nur hinter jeder Ecke könnte der Feind stehen, auch kann man nie sicher sein, ob nicht von anliegenden Gebäuden aus auf einen geschossen wird.

Die Anspannung bleibt nicht ständig auf einem hohen Level, vielmehr sind es Wellen die einem widerfahren. Während man in Deckung ist, entspannt man sich. Bei längerer Dauer eines Gefechtes schleicht sich meist eine skurrile Form der Routine ein, um erneut schlagartig der Angst und dem Stress zu weichen.

Angst und Stress sind wichtig. Sie versorgen den Körper mit Drogen, schalten das Denken aus und erhöhen die Aufmerksamkeit. Die Sinne werden auf ein höheres Level gestellt und man fühlt sich wie ein Wolf auf der Jagd.


Einige Stunden später sitze ich in der Nähe der Ortsgrenze, oder besser ausgedrückt: die Trümmerhaufen ,die einmal eine Ortschaft waren. Gut geschützt von den Mauern eines ehemaligen kleinen Einfamilienhauses betrachte ich die untergehende Sonne, die mit dem hohen Gras zu verschmelzen scheint. Es angenehm warm und meine Kappe ruht auf meinem linken Knie. Die Wiese lädt ein loszulaufen. Doch noch wissen wir nicht, ob hier ein Mienenfeld vergraben liegt oder der Feind auf romantische Idioten wartet, die dumm genug sind, einen Spaziergang zu unternehmen.

Wir konnten das Dorf erobern und alle Gegner – eine Gruppe von rund zwanzig Serben – ausgeschalten, wie man so schön sagt.

Die Erinnerungen an dieses Gefecht haben sich in mein Gehirn gebrannt. Sie lassen sich nicht mehr entfernen. Ständige Begleiter, die vor allem nachts Beachtung einfordern.

Während mein Blick über die Wiese schweift, erinnere mich an jene Situation, als meine Gruppe ein Haus, das früher wahrscheinlich eine Arztpraxis war, betritt, um es zu säubern. Plötzlich kam ein junger Serbe schreiend um die Ecke und stand direkt vor mir, seine Kalaschnikow auf mich gerichtet. Dank meiner Reflexe rammte ich ihm mein Messer seitlich in den Hals. Die Projektile seiner Waffe verfehlten mich. Miro, ein kroatischer Soldat in meiner Gruppe, wurde am Bein getroffen und brach zusammen.

Dieser Schrei, der in ein unmenschliches Gurgeln überging, als mein Messer in seinen Hals eindrang. Das Blut, dass mir ins Gesicht und auf meine Kleidung spritze, als ich ihm mit einer ruckartigen Bewegung die Kehle aufschlitzte. Der zuckende Leib des sterbenden Gegners, dessen Körper sich entleert und der Gestank von Kot und Urin mir die Magensäfte hochkommen lässt. All diese Dinge verfolgen einen ein Leben lang und sie verhindern erfolgreich ein Verdrängen dieser Erlebnisse.

Ich zitterte am ganzen Körper, und als ich den toten Jungen von vielleicht zwanzig Jahren vor mir sah, fühlte ich mich überlegen. Letztlich hatte ich richtig reagiert und lebe.

„Richtig“ und „Falsch“ bekommen in solchen Situationen einen komplett anderen Kontext. Der Bezugsrahmen ist nicht mehr der Mensch, sondern die Bestie und dadurch verschiebt sich schlichtweg alles, woran man bisher glauben wollte.

Miros Wunde war nicht schlimm gewesen, wurde abgebunden mit dem Gürtel des toten Soldaten und wird erst später ein Fall für den Sanitäter werden.


An diesem Tag erzählte man mir von einer Zelle in einem Keller eines Wohnhauses, die unsere Soldaten in dieser Ortschaft entdeckten. Es waren einige junge Frauen darin untergebracht. Sie wurden nicht wie die anderen Bewohner dieser Ortschaft umgebracht, sondern die Serben hielten sich diese Mädchen als Sexobjekte. Man erzählte mir, dass sie noch lebten als unsere Einheit in das Haus eindrang, drei Soldaten der Serben erschossen und die Tür zu dieser Zelle öffneten.

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Beschreibung: Diese Geschichte erzählt die Erlebnisse eines Söldners im Jugoslawienkrieg. Der Krieg wird als das beschrieben, was er ist: Brutal, hart, menschenverachtend.

Eine Warnung vorweg: Diese Geschichte hat explizite Gewaltdarstellung zum Thema!


Wie es weitergeht?

Die komplette Kurzgeschichte, bestehend aus drei in sich abgeschlossenen Episoden, gibt es auf Amazon als E-Book.


Der Preis?

Etwas mehr als 2 Euro. Eine spannende Geschichte für wenig Geld.

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