Vernunftbegabt
 
Bluthunger

Kapitel 1

Die Wahrheit


Oslo, 13. März 2013


Es klopfte.
Ole Schröder, Staatssekretär für innere Sicherheit in Norwegen, blickte aus dem Fenster seines Büros im sechsten Stock des Innenministeriums. Der schwarze Schleier der Nacht breitete sich komplett über Oslo aus. Er sah auf seine Armbanduhr. Zwanzig Uhr fünfunddreißig. Um diese Uhrzeit erwartete er keinen Besuch mehr. Außerdem lag noch ein Berg an Arbeit vor ihm. Die letzten Vorbereitungen für die morgige Pressekonferenz, seine Pressekonferenz.
Erstmals in der Geschichte der Menschheit wird die Weltöffentlichkeit davon in Kenntnis gesetzt, längst nicht mehr alleine diese Welt zu regieren. Weder Aliens noch Zeitreisende lenkten die Geschicke der Menschen, wie Verschwörungstheoretiker seit Jahrzehnten behaupteten.
Die Wahrheit klang viel verstörender.
Morgen veröffentlichte er die Ergebnisse eines geheimen Projektes, dem er vorstand. Ein Projekt, das erschreckende Erkenntnisse zutage brachte. Erschreckend genug, um ihn berühmt zu machen.

Es klopfte nochmals. Schröder atmete durch. Kurz darauf blickte der Politiker in das Gesicht einer Reinigungskraft, einem kräftigen jungen Mann mit dunklen hinten zusammengebundenen Haaren. Er blieb in der Türe stehen und sah den Staatssekretär irritiert an.

„Verzeiung, ik nischt gewuscht das Herr Schröder noch sein da.“
Es dauerte einige Sekunden, bis Ole die Situation richtig einordnen konnte.
„Wo ist Aksel heute?“, fragte er schließlich.
Der Mann zuckte mit den Schultern. „Krank. Ich Vertretung.“
Schröder nickte förmlich, presste die Lippen zusammen, während er einen Blick auf die braune Ledermappe warf. Er klappte sie zu. Erst dann rang er sich ein kurzes Lächeln ab. „Lassen Sie sich durch meine Anwesenheit nicht stören.“
Der junge Mann öffnete die Türe, zog einen Reinigungswagen hinter sich her und begann mit seiner Arbeit.
Ole Schröder beobachtete die Arbeitskraft, die jetzt die Regale mit Aktenordern sorgsam entstaubte. Jeden einzelnen Ordner nahm die Reinigungskraft aus dem Fach, wischte den Staub mit einem kleinen Besen ab und stellte ihn exakt an denselben Platz zurück. Er wirkte irgendwie unbeholfen, befand Schröder. „Ungelenk“, kam ihm in den Sinn. Wieder


warf er einen Blick auf seine Mappe. Als er erneut aufsah, stand der Mann rechts neben seinem Schreibtisch und widmete sich dem Bücherregal. Mit einem Lappen säuberte er die Buchrücken. Ebenfalls mit bedächtigen Bewegungen, wie bereits zuvor. Schröder schüttelte den Kopf.

„Muss das sein?“ In der Stimme des Politikers lag erzwungene Höflichkeit.
Der Mann mit dem Zopf hielt inne. Er drehte sich langsam um, bis sich ihre Blicke trafen. Schröder versuchte, seinen Ausdruck zu deuten. Erschrocken? Das traf es nicht ganz. Eher überrascht. Die Reinigungskraft hob die Augenbrauen, öffnete fragend den Mund.
„Das hier. Wegen mir brauchen Sie heute nicht so akribisch zu sein.“ Er deutete auf die Schrankwand und imitierte die Putzbewegungen eines Stubenmädchens.
Die Mann begann zu grinsen, unterdrückte es jedoch schnell wieder. „Akri...?“
„Akribisch. Herrgott.“ Schröder kramte in seinem Wortschatz nach einer passenden Alternative. „Es ist nicht nötig, so genau zu putzen, verstehen Sie? Ich habe viel zu tun“, betonte er jedes einzelne Wort. Noch immer lächelte der Staatssekretär, auch wenn ihm nicht mehr danach zumute war.
Die Reinigungskraft nickte. „Verstehen!“, antwortete er triumphierend. „Aber heute ick müssen viel sauber. Chef sprechen.“
Ole Schröder stimmte resigniert zu. Er starrte auf den Bildschirm seines Laptops. Dort lief CNN. Der Petersdom in Rom flimmerte über den Monitor. Lautlos bewegten sich die Lippen der Sprecherin. Mit unbewegter Miene las er die Schlagzeile: „Attentat im Vatikan“.
Eigentlich wollte er seine morgige Rede nochmals durchlesen, entschied sich jedoch zu warten. Dazu benötigte er Ruhe und nicht die Anwesenheit irgendwelcher Reinigungskräfte.

Seine Gedanken schweiften ab. Er erinnerte sich an die Versuche, ihn zum Schweigen zu überreden. Vampire. Wesen, die menschlich aussahen, doch keine Gemeinsamkeiten mit den Menschen hatten. Monster, die es geschafft hatten, eine eigene Gesellschaft zu entwickeln. Von den Menschen völlig unbemerkt.

Viel hatte Schröder über diese seltsamen Wesen noch nicht herausgefunden, allerdings wusste er inzwischen, bevor sie sich einer Art Metamorphose unterzogen, waren sie Menschen gewesen. Ihre Organe arbeiteten nicht mehr, sie galten als tot nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft. Und trotzdem existierten sie. Wie es funktionierte, konnte er nicht erklären. In erster Linie jedoch - und das war erschreckend - handelte es sich bei den Vampiren um Wesen, die sich von den Menschen ernährten. Von ihrem Blut. Natürlich kannte Ole Schröder die Horrorgeschichten über Vampire. Auch er hatte Bram Stockers „Dracula“gelesen, doch der Unterschied zwischen Fiction und Realität war gewaltig. In diesem Fall sorgte er für eine Verschiebung der Macht auf diesem Planeten, weg von den Menschen.

Ole lachte säuerlich.


Mehr als einmal hatten ihre Unterhändler, Menschen, die im Dienste der Vampire standen, Kontakt zu ihm aufgenommen und ihm hohe Summen angeboten, damit er schwieg. Er hatte abgelehnt. Sie, deren Existenz niemand sonst kannte, hatten gebettelt und gedroht, doch er war standhaft geblieben.

Ole schlug die Ledermappe vor sich auf, blätterte zu den letzten Seiten zurück. Aus einer der Klarsichthüllen zog er den Einsatzbericht. Jenes Dokument, das sein Leben veränderte. Er las ihn durch, zum wiederholten Male. Es konnte nicht schaden, sein Wissen darüber aufzufrischen, wie alles begonnen hatte. Für den Fall, dass Reporter morgen danach fragten.

„Ein Team der Task Force 3, einer Spezialeinheit der norwegischen Polizei, stürmte in der Nacht auf den 25. Oktober 2012 ein Haus im Norden von Oslo. Vertraulichen Hinweisen zufolge befand sich dort eine Zelle der Terrorgruppe „Freies Norwegen“. Stattdessen griff unmittelbar nach dem Zugriff ein Wesen das Team an. Es zerfetzte den Hals eines Polizisten und brach einem weiteren trotz dessen Brustpanzerung sämtliche Rippen. Erst ein Schuss in den Kopf tötete den Angreifer.“

Ole Schröder befeuchtete seinen Zeigefinger, schlug die nächste Seite des Berichtes auf. Er strich über seine Krawatte, rückte den Knopf gerade. Jetzt erinnerte er sich an das Gespräch mit dem Leiter der Einsatzgruppe, das er wenige Tage nach diesem Vorfall geführt hatte. Er hatte das Wesen erschossen. Schröder suchte die entsprechende Stelle im Bericht. „Die Beamten konnten die Situation erst unter Kontrolle bringen, als ihr Einsatzleiter den Angreifer mit einem gezielten Schuss in den Kopf tötete. Dazu benutzte er eine Pistole im Kaliber neun Millimeter der Marke „Highpower“.“

Der Beamte hatte ihm damals von acht Treffern erzählt, die sein Team mit ihren MP5 Maschinenpistolen gelandet hatten, ohne den Angreifer zu beeindrucken.
Schröder schüttelte den Kopf. Kein Mensch würde solche Körpertreffer überleben, doch dieses Wesen hatte sich einfach auf den nächsten Polizisten gestürzt.

Der Staatssekretär blätterte um und las weiter.
Insgesamt fünf Terrorverdächtige mussten die Polizisten eliminieren. „Eliminieren“, eine nette Umschreibung für die Vernichtung von Leben, befand er.
Bei zwei von ihnen stellte der Gerichtsmediziner beträchtliche Anomalien der Kiefermuskeln sowie der Eckzähne fest. Zu diesem Zeitpunkt wusste niemand, dass in der rechtsmedizinischen Abteilung der Universitätsklinik in Oslo zwei vampirähnliche Wesen lagen, sogenannte „Ghoule“. Menschen, mit dem vampirischen Virus im Blut, jedoch zu gering, um sich zu verwandeln, wie Schröder im Laufe der Monate erfuhr.
Die sichergestellten Daten brachten zwar nicht die gewünschten Informationen über geplante Terroraktivitäten zutage, aber sie bargen weit brisantere Hinweise. Videomaterialien, die Vampire zeigten, als sie Menschen zerfleischten. Dokumente, die


von Ghoule berichteten und vieles mehr. Material, von dessen Existenz nur er, Ole Schröder, und wenige Eingeweihte wussten.
Morgen fand die Pressekonferenz statt. Seine Pressekonferenz. Sein Erfolg.

Der junge Mann näherte sich dem Schreibtisch. Schröder löste sich aus seinen Gedanken, sah ihn irritiert an.
„Muss sauber machen. Hier“, deutete die Reinigungskraft auf die Tischoberfläche.
Bevor der Politiker antworten konnte, wischte er bereits über die freien Stellen. Ole Schröder nickte erneut resignierend, dann half er ihm, indem er die Kiste mit den Zigarren hochhob, die Tastatur seines Computers beiseiteschob. Immer wieder murmelte die Arbeitskraft ein paar undeutliche Worte, die wahrscheinlich „Danke“ bedeuteten.

Ole Schröder überlegte, woher er wohl stammte. Seine Wahl fiel auf die arabischen Emirate, während er aufstand und ihm Platz machte. Für den Bruchteil einer Sekunde lächelte der Mann, dann schlenderte er mit seinem Wischmopp gemächlich über den Parkettboden hinter den Schreibtisch.

Der Politiker begann zu schmunzeln. Eigentlich machte es keinen Unterschied, ob er jetzt ging oder noch weitere zehn Minuten jedem Staubkorn in seinem Büro nachjagte. Schröder kannte seine Rede auswendig, wusste um sämtliche Details, speicherte inzwischen alle Bilder, Videos und Berichte in seinem Kopf ab. Viel wichtiger war es nun, seinen Geist freizumachen.

Natürlich konnte er die Reinigungskraft hinausschicken, doch danach stand ihm nicht der Sinn. Nicht mehr.
„Sagen sie, wie heißen Sie eigentlich?“
Der Putzmann drehte sich schnell um, verharrte in seiner Bewegung, sah den Politiker mit weit geöffneten Augen an. Der Wischmob schmatzte gierig, als ihn der Araber etwas anhob.

„Ashtaad, mein Name sein Ashtaad, Herr Schröder.“
Ole nickte sichtlich zufrieden.
„Ashtaad“, wiederholte er ihn, „was bedeutet er?“
Der Mann stützte sich auf seinen Mob und sah Ole direkt an. Sein Gewicht drückte Wasser heraus, das sich als schmaler Rinnsal einen Weg am Boden suchte.

„Ich glauben „Wahrheit“, Herr Schröder.“
„Ein guter und starker Name, er gefällt mir.“ Schröder schickte ein erneutes Lächeln ins Rennen.
Schmutzwasser berührte seinen linken Schuh. Ashtaad sah etwas verlegen auf den Fußboden, richtete sich unvermittelt auf und wischte über die Stelle vor ihm.
„Sagen sie doch bitte Ole. „Herr Schröder“ wirkt so steif.“
Ashstaad nickte.
„Außerdem“, ergänzte der Politiker, „ist es so üblich in Norwegen.“


Erneutes Grinsen. Gewinnend. Letztlich nur routiniert. „Natürlich, Herr Schröder.“

„Einfach nur Ole. Ashstaad, woher kommen sie? Ihr Name klingt sehr arabisch.“ Ashstaad sah wieder auf. Ihre Blicke trafen sich. Der junge Mann verlagerte sein Gewicht auf das andere Bein.
„Ich sein aus Iran, Herr Schröder.“

Ole betrachtete ihn einen Moment lang, ging zu dem Vertiko auf der linken Seite des Büros. Dieses Möbelstück im Kolonialstil passte mit seinem dunkelbraun gebeizten Holz gut zur restlichen Einrichtung. Er öffnete die beiden Türen und holte eine bernsteinfarbene Flasche Glenfiddich hervor. Zwei Fingerbreit des Whiskeys goss er in ein Glas, dann drehte er sich um.

„Mir ist heute danach“, sagte er und hob den Tumbler auf Gesichtshöhe. „Auf die morgige Pressekonferenz, die diese Welt für immer verändern wird!“
Ashtaad richtete sich auf. „Was sein Morgen?“
„Der Tag der Wahrheit, Ashtaad. Der Tag der Wahrheit.“

Schröder nahm einen Schluck, atmete ein, stellte das Trinkglas behutsam zwischen Laptop und Zigarrenkiste ab. Dann ging hinter den Schreibtisch, setzte sich auf seinen Bürostuhl. Als er sich umdrehte, stand der Iraner ihm direkt gegenüber und betrachtete den Politiker mit unbewegter Miene. In der Hand hielt er das Whiskeyglas. Schröder nahm ihm den Tumbler ab. Bedankte sich, lächelte. Diesmal ohne Routine.

„Sagt Ihnen das Wort „Vampire“ etwas, Ashtaad?“, fragte er plötzlich.
Keine Antwort.
Ole runzelte die Stirn, blickte in ungläubige Augen. Er bildete mit den Fingern seiner rechten Hand ein V und legte sie auf seine Lippen. „Vampire. Haben Sie schon mal etwas davon gehört?“
Ashstaad nickte schnell. „Was sein damit?“
Der Politiker nahm einen weiteren Schluck. „Es gibt viel mehr, als sich unsere Schulweisheit je erträumen ließe.“ Wieder sah Schröder auf. „Dieses Zitat soll von Shakespeare stammen. Eine Person, deren Existenz nicht einmal bewiesen ist! Sie verstehen, was ich meine, Ashtaad? Die Absurdität dieser Aussage?“
Der Iraner zuckte mit den Schultern.
„Wenn Sie die Antwort wissen wollen, sollten Sie meine morgige Pressekonferenz nicht verpassen. Sie wird im Fernsehen ausgestrahlt.“
„Das ich machen“, antwortete der Mann prompt, dann bewegte er den Wischmopp langsam den Boden entlang.
Schröder beobachtete ihn, lehnte sich in seinem Stuhl zurück, strich über die Mappe. Ein zarter Schweißfilm bildete sich auf seiner Stirn. Er griff nach dem Glas und trank den Rest des Whiskeys in einem Zug aus.


Plötzlich spürte er innere Unruhe in sich aufsteigen. Ole Schröder richtete sich auf, wunderte sich über seine fahrigen Bewegungen.
„Es ist spät. Sie sollten jetzt nach Hause gehen, Ashtaad.“
Ole lockerte den Krawattenknoten. Er stand auf. Er öffnete ein Fenster. Kalter Wind wehte herein.

„Ist nur mir mit einem Mal so warm, Ashstaad?“ Der Politiker drehte sich um, suchte den Mann. Sein Blick verschwamm, irrte umher. Mittlerweile wurden seine Bewegungen hektischer.
Ole holte ein Glas, nahm wieder am Schreibtisch Platz und füllte es bis zum Rand mit Wasser aus einer Karaffe zu seiner Linken. In einem Zug leerte er es. Sofort spürte er die kühle Flüssigkeit, die sich ihren Weg durch seinen Körper suchte.

Aber es verschaffte ihm keine Kühlung. Er fing an zu schwitzen.
Obwohl das Fenster weit offen stand, nahm der Sauerstoff im Raum immer weiter ab. Zumindest hatte er diesen Eindruck. Ole Schröder sog gierig nach Luft, die nur widerwillig in seine Lungen strömen wollte. Mit fahrigen Bewegungen griff er nach einer Schublade, wühlte hektisch darin herum. Endlich fischte Ole eine Tablette heraus, schob sie in den Mund, schluckte mehrmals.
„Eine Schmerztablette. Mir geht es irgendwie nicht so gut“, erklärte er, wischte sich über die Stirn, erwartete eine Antwort. Sie blieb aus.
„Ashtaad?“ Gehetzt drehte Schröder den Kopf hin und her. Jetzt entdeckte er die Reinigungskraft. Er stand direkt vor ihm, starrte ihn an.
Der Politiker zog an seiner Krawatte. Zuerst ruhig, dann zerrte er mit kurzen Bewegungen daran. Sein Hals schnürte sich weiter zu, als ob ihn jemand mit beiden Händen den Kehlkopf zudrückte. Panik übernahm das Kommando.
„Ashstaad, rufen Sie einen Arzt! Etwas stimmt nicht mit mir!“
Oles Schläfen pochten. Wie zwei Mühlsteine, die seinen Schädel zusammenpressten, fühlte es sich an.
Ashstaad schüttelte den Kopf.
„Nein Herr Schröder, mit ihnen ist alles so, wie es sein sollte.“
Ole stutzte. Sprach der Iraner plötzlich in einem perfekten Englisch mit ihm?

In seiner Brust hämmerte ein Schmerz, als wollte etwas seine Knochen sprengen, um aus ihm herauszubrechen. Ole griff zum Telefon. Kein Ton. Er drückte einige Tasten. Nichts. Für einen kurzen Augenblick nahm er seine ganze Kraft zusammen und folgte wortlos dem Telefonkabel. Der Anschluss an der Wand wurde gekappt.

Sein Blick wanderte zu Ashtaad. Besaß er schon immer diese strahlend blauen Augen? Als Ole dessen Lächeln registrierte, überkam ihm die nächste Panikattacke. Der Politiker rang nach Luft, schnappte danach wie ein Fisch, der hilflos am Ufer zappelte.
Das Mobiltelefon! Ole Schröder fiel ein, dass es irgendwo auf dem Schreibtisch lag. Falls seine Frau anrief. Hektisch suchten seine Hände den Tisch ab. Klirrend krachte die Karaffe


zu Boden, kurz darauf zerbrach das Bild mit seiner Familie auf dem Parkett. Kein Mobiltelefon. Sein Körper bäumte sich auf. Er schrie, nicht vor Schmerzen, sondern aus Verzweiflung.
Ole kippte aus seinem Stuhl, krampfte die Finger in seine Brust, während er sich auf dem Fußboden windete.

Jetzt verstand er. Dieser Bastard, Ashstaad. Er war einer von Ihnen! Ein Vampir. Er war es, der das Telefonkabel beim Staubwischen gelöst hatte. Direkt vor ihm!
Dann starb Ole Schröder.

Ashstaad beugte sich über den Körper und fühlte den Puls. Tot, wie man nur tot sein kann. Er holte ein Headset aus seinem Overall und steckte es sich ins Ohr.
„Einheit zwei? Hier Einheit eins. Ziel eliminiert“, flüsterte er in das kleine Mikrofon an seiner Wange.

„Copy. Alles sichern und dann raus mit dir, Exolate.“
Er nahm die Mappe mit den Beweisen für die Existenz von Vampiren vom Schreibtisch. Exolate fischte eine externe Festplatte aus einem Fach des Reinigungswagens, ging zum Laptop des toten Staatssekretärs und verband die beiden Geräte miteinander. Dank der gründlichen Recherchen des Geheimdienstes der Hogh-Khart brauchte er nicht lange nach den brisanten Dateien suchen. Er übertrug die gesammelten Dokumente auf seine Intenso- Harddisk. Anschließend startete der Untote ein Scanprogramm, um mögliche Dateireste aus dem temporären Speicher des Computers zu löschen. Auf den ersten Blick waren nun sämtliche Hinweise auf die Existenz von Untoten in dieser Welt verschwunden.
Als Nächstes mussten jegliche Informationen aus Ole Schröders persönlicher Cloud, einem virtuellen Speicherplatz im Internet, gelöscht werden. Dort, hatte der Geheimdienst der Hogh-Khart herausgefunden, fertigte der Politiker regelmäßig Sicherheitskopien an. Computerspezialisten des Vampir-Clans hatten den Sicherheitscode vor wenigen Tagen geknackt, jetzt warteten die Spezialisten in London auf grünes Licht von Exolate, um diese Daten ebenso zu vernichten.
„Alles sauber?“, fragte er in sein Mikrofon.
„Wie nach einem Einlauf“, kam es blechern zurück.
Er schmunzelte.
Auf dem Monitor erlosch das Statusfenster. Sämtliche Informationen befanden sich nun auf der externen Festplatte.

Mit der Mappe unter dem Arm ging er schnellen Schrittes zur Türe. Ein letztes Mal betrachtete er die Leiche. Morgen früh finden sie dich und werden feststellen, dass du an einem Herzinfarkt verreckt bist. Es funktionierte alles genau so, wie es die Hogh-Khart geplant hatten. Die Tarnung als Reinigungskraft, die gekappten Leitungen, das Gift. Exolate wandte sich zufrieden um.


Der Vampir öffnete die Putzkammer am Ende des Korridors. Hier lag der echte Putzmann. Jetzt zog er die Arbeitskleidung wieder aus und warf sie auf den bewusstlosen Mann. Es war nicht nötig, diesen Typen zu töten. Einem Alkoholiker glaubt niemand, vor allem keine so abenteuerliche Geschichte.

Zwischen Besen, Wassereimern und andere Reinigungsgeräten holte Exolate seine Kleidung hervor und zog sich rasch um. Die Zeit drängte.
Er streifte sich ein schwarzes T-Shirt mit V-Ausschnitt sowie eine schwarze, eng anlegende Lederhose über. Dann zog er ein paar Kampfstiefel an, etwas unbequem, aber praktisch. Zum Schluss kroch er in den langen Trenchcoat aus Leder, unter dem er problemlos seine primäre Bewaffnung verstecken konnte: zwei Katana, japanische Langschwerter mit sanfter Krümmung. Schön anzusehen, gleichzeitig absolut tödlich in den Händen eines Profis.

Er rannte aus dem Gebäude, warf einen kurzen Blick auf die kleine Gruppe spielender Kinder neben dem Eingang. Um diese Uhrzeit? Was für Eltern müssen das sein? Ohne die drei Mädchen weiter zu beachten, begab er sich unauffällig in eine schmale Quergasse, dessen Beleuchtung sein Team vor Beginn dieser Operation ausschaltete. Ein schwarzer Mercedes wartete bereits auf ihn. Sofort, nachdem er auf der Beifahrerseite einstieg, setzte sich das Gefährt in Bewegung.

Exolate atmete tief durch, neigte den Kopf abwechselnd nach links und rechts und ließ dabei die Halswirbel knacken.
„Mission erfolgreich abgeschlossen. Zielobjekt ausgeschaltet und wir haben die brisanten Unterlagen“, informierte er knapp die anderen Soldaten im Wagen. Die zwei Männer und eine Frau, allesamt Vampire, nickten ihm zu. Beinahe gleichzeitig.

Exolate übergab die Mappe dem Vampir auf der Rückbank, ein junger Mann, den die meisten Menschen nicht älter als dreißig schätzen würden.
„Kümmere dich darum, damit alles so schnell wie möglich an die Zentrale weitergeleitet wird.“

„Geht klar, Boss.“
Der Soldat blätterte den Ordner durch und reichte hin und wieder ein Foto oder eine Seite der Frau neben sich. Sie klappte einen schmalen Koffer auf, in dem sich ein Scanner und ein Laptop befanden.
„Heißes Material. Wäre er damit an die Öffentlichkeit gegangen, hätte sogar die Bruderschaft der Accessare Probleme bekommen, alles zu vertuschen.“ Die Stimme des Soldaten klang dunkel.
Die Vampirin nickte zustimmend, während sie ein Blatt nach dem anderen digital archivierte.
„Ich bin mal gespannt, ob geklärt wird, wer sich da ablichten ließ.“
Exolate gefiel ihre Stimme. Sie besaß eine weiche Klangfarbe. Betörend, auf gewisse Weise. Er drehte sich zu den beiden um. „Das ist Sache des Geheimdienstes, nicht unsere.“


„Fertig, alle Daten wurden übertragen.“ Sie klappte den Koffer zu.
Der Vampir mit der dunklen Stimme, der sich den Namen Ares gab, schloss die Mappe und warf den Kopf gegen die Kopfstütze. „Stimmt. Wie immer.“ Er knackte mit seinen Fingerknöcheln. „Wir machen die Drecksarbeit, aufräumen kann jemand anderes.“
Exolate grinste. „Was soll das jetzt? Wir sind Dark Soldier, die Elite-Einheit der Hogh- Khart. Uns holen sie, wenn die Interessen das Clans bedroht werden. Wir sind die coolen Jungs, die dazu bereit sind, innerhalb einer Stunde an jedem Ort auf diesem Planeten einem Arschloch den Hintern zu versohlen.“
Ares lachte ebenfalls, öffnete sein Fenster einen Spalt. Exolate warf der Vampirin einen Blick zu, eine ausgesprochen schlanke Frau um die zwanzig, mit glatten blonden Haaren und großen Augen. Sie antwortete ihm mit einem Kussmund.
„Nicht nur die Jungs. Du bist auch cool, Tatjana“, grinste er ihr jetzt zu.
„Danke Boss“, erwiderte sie mit betont verführerisch.

„Wohin geht es, Boss? Direkt zum Flughafen?“
Die dunkle Stimme des Soldaten riss Exolate aus seinen Gedanken.
„Zum Flughafen und ab nach Hause“, bestätigte der Dark Soldier-Teamführer.

Während sich sein Team bereits in Feierlaune befand, konnte sich Exolate nicht wirklich am Erfolg dieser Operation erfreuen. Natürlich war dieser Einsatz bedeutend. Genauso wie alle Missionen davor. Er hörte jetzt schon in seinem inneren Ohr den Monolog seines Vorgesetzten Akrion. Sie retteten erneut die Welt, verhielten sich überragend und funktionierten perfekt, wie es sich für einen Dark Soldier gehörte. Bla, bla.

Diesmal ging es Exolate jedoch um eine Spur zu glatt. Keine Zwischenfälle, nichts Unvorhergesehenes, das eintrat. Eigentlich durfte er froh darüber sein, doch in seinem Kopf ertönte ein weit entfernter Summton. Eine Warnung, etwas, worauf er sich verlassen konnte. Irgendetwas stimmte hier nicht. Ein seltsames Gefühl. Exolate schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich dachte er auch zu viel nach.

„Hey Boss, warum so still? Ist jemand gestorben?“, rief Ares nach vorne. Tatjana unterstützte seine Frage mit einem Kichern. Selbst Lexx, der Fahrer, beteiligte sich mit einem gedehnten Grinsen an der ausgelassenen Runde.
„Sehr witzig. Ihr wisst ja: Ich kann keine Menschen leiden sehen“, konterte Exolate.

Alle lachten.
Doch irgendwie war Exolate heute nicht in der Stimmung nach Unterhaltung. Ab und an dachte er nach. Über sich, seine Existenz. Dummerweise war es genau jetzt wieder an der Zeit. Zu einem Zeitpunkt, da er eigentlich zufrieden mit sich und seiner Situation sein sollte.
Er hatte erneut jemanden getötet. Nahrung, Getier. So zumindest betrachteten viele Vampire die Menschen. Für die Hogh-Khart handelte es sich bei den Sterblichen jedoch immer noch um hoch entwickelte Lebewesen, die sich mit den Untoten diesen Planeten


teilten. Sein Clan zollte den Lebendigen hohen Respekt. So stand es in den Regeln geschrieben. Obwohl sie sich dem ethisch reinen Vorgehen verpflichtet hatten, töteten die Dark Soldier im Auftrag der Hogh-Khart.

„Sofern moralisch verwerfliche Gründe vorlagen“, lautete ihre Prämisse.

Er – Exolate – und sein Team: Sie herrschten als einer der Herren über Leben und Tod auf diesem Planeten. So wie alle Dark Soldier. Wie die meisten Vampire, die ohne Wissen der Menschen unter ihnen existierten. War es wirklich so vorgesehen? Ist es ein Akt der Schöpfung oder lediglich ein Fehler im System? Exolate fragte sich genau das immer wieder aufs Neue. Er hasste diese Frage, gleichzeitig fürchtete er ihre Antwort. In einer Sache war er jedoch überzeugt: Er war ein Raubtier inmitten einer riesigen Herde von Gejagten.

Nach einer halben Stunde erreichten sie den Flughafen und bestiegen schnell das Flugzeug. Keiner von ihnen wollte riskieren, mit der in Kürze aufgehenden Sonne Bekanntschaft zu machen.
Exolate nahm in einer Ecke des Fliegers Platz. Er starrte auf die Luke, die sich langsam schloss, alle im Inneren mit Dunkelheit umhüllte.


Kapitel 2
Blut, Frauen, Pachierra



London, 14. März 2013


Selbst an diesem Donnerstag befanden sich auf der Torrent Street kurz nach Mitternacht noch etliche Menschen. Die Gegend in der Londoner Innenstadt präsentierte sich mit ihrer Auswahl an Bistros, Pubs und Cafés besonders großzügig, daher empfand niemand das nächtliche Treiben als ungewöhnlich. Auch vor dem „Vampire ́s Heaven“ tummelten sich einige der vorwiegend jungen Besucher. Ein Club in der Nähe der Newgate Street, bei dem viele Nachtschwärmer lieber die Straßenseite wechselten. Weniger lag es an der schwarz gestrichenen Fassade, als am Eingang, der als weit aufgerissener Mund eines Vampirs mit von grünem Neonlicht umrahmten Fangzähnen gestaltet war. Und an Joey, dem bulligen Türsteher, dessen Glatze eindrucksvolle eintätowierte Teufelshörner zierten.

Lokale wie das Vampire`s Heaven betrieb fast ausschließlich die Bruderschaft der Accessare, ein Vampirclan, der hohes Ansehen unter den Untoten genoss. Neben ihrer Neutralität zu allen Clans sorgte ihre ausgefeilte Propaganda dafür, die Existenz der Vampire geheim zu halten. Die Menschen hielten sie lediglich für Fantasiegestalten von Autoren, Filmproduzenten und Verrückten. Dabei sollte es auch bleiben. Innerhalb der letzten zwei Jahrhunderte hatten die Accessare ein großes Netzwerk an Firmen, Clubs und Medienanstalten erschaffen. Dadurch konnten sie auf einfache und effiziente Weise für gezielte Desinformation sorgen. Dieser Vereinigung verdankten es die anderen Clans, in Ruhe und unbehelligt von den Menschen ihren Geschäfte nachzugehen. Kein Vampir zweifelte, dass sich daran in den nächsten Generationen etwas änderte.

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