Vernunftbegabt
 
Bluthunger


KAPITEL 1




Es war Nacht; eine dieser mondlosen, schweren Nächte, die sich wie ein dicker Mantel über die Stadt legen. Das Gewitter, das sich schon seit Tagen ankündigte, stand unmittelbar bevor und es war nicht die Frage, ob, sondern lediglich wann der Himmel seine Schleusen öffnen würde. Die Luft war elektrostatisch geladen und obwohl es bereits weit nach zehn Uhr abends war, war von einer für diese Zeit üblichen Abkühlung der Nachtluft nichts zu spüren.

Das junge Pärchen, das auf die Piazza della Ponte zusteuerte, schien die drückende Schwüle jedoch nicht zu bemerken. Langsam schlenderten die beiden eine dunkle Seitengasse entlang und unterhielten sich angeregt über den Film, den sie gerade im Kino gesehen hatten. Sie kannten einander noch nicht lange, seit sechs oder sieben Wochen erst, doch das Leben hatte sie zusammengeführt wie zwei gegenpolige Magneten: Ein Zusammenstoss war im wahrsten Sinne des Wortes unvermeidlich.

Laura war im Supermarkt ganz in ihre Einkaufsliste versunken gewesen als sie, wieder einmal viel zu schnellen Schrittes, geradewegs in Adriano hinein lief. Dass sie ihn umgerannt hatte war vielleicht die treffendere Beschreibung ihrer ersten Begegnung. In ihrem ersten Schrecken wollte sie (so, wie es ihrer temperamentvollen Art entsprach) gerade beginnen, ihn mit Flüchen einzudecken, als sie aufsah und ihm in die Augen blickte. Adriano sah sie an und lächelte, wobei er die Dose Ravioli in der Hand hielt, die sie bei ihrem Zusammenstoss fallen gelassen hatte. „Sehr sympathisch“, war ihr erster Gedanke. Und so ein schönes, ebenmäßiges Gesicht. Seine Augen, die kleine Lachfalten umrahmten, hatten Laura die Sprache verschlagen und zauberten ihr ebenfalls ein Schmunzeln auf die Lippen.

„Verzeih, ich war gerade ganz in meine Liste versunken“, war das Einzige, was Laura hervorbrachte. Trotz ihrer 23 Jahre war sie eine ungemein selbstbewusste junge Frau, doch jetzt kam sie sich vor wie ein Schulmädchen. Wenn Sie verlegen wurde, spielte sie oft unbewusst mit einer Strähne ihres kaffeebraunen Haars, das ihr glatt bis auf die Schultern fiel. Auch diesmal ertappte sie sich dabei und unterbrach die Bewegung sofort, als sie merkte, dass er sie dabei beobachtete.

„Ich bin daran wohl nicht ganz unschuldig. Schließlich hätte ich mit einem Sprung zur Seite noch ausweichen können. Andererseits hätte ich es dann wohl nie geschafft, einen Blick auf dein hübsches Gesicht zu werfen. So vertieft, wie du in deinen Zettel warst.“

Wieder warf ihr Adriano dieses umwerfende Lächeln zu. Mit seinen langen, lockigen Haaren, die so schwarz wie seine Lederjacke waren, sah er aus wie ein Rockmusiker, doch seine galante Art konnte er sich unmöglich auf den Musikbühnen dieser Welt angeeignet haben. Ihr erster Eindruck hatte sie nicht getrogen: Adriano war mit seinen 29 Jahren der jüngste Abteilungsleiter, den die Finance Corp., ein weltweit tätiger Konzern im Finanzdienstleistungsbereich, jemals gehabt hatte. Doch der Preis, den er für seine steile Karriere bezahlte, war nicht weniger gering: Lange Arbeitszeiten und wenig Freizeit entsprachen für ihn eine wenig geliebe  Selbstverständlichkeit.

„Ich möchte mein berechnendes Verhalten wiedergutmachen. Darf ich dich, nachdem wir unsere Einkäufe hier beendet haben, auf einen Espresso einladen? Ich kenne ein sehr nettes Lokal gleich um die Ecke.“

„Warum nicht?“, entgegnete Laura, und so entstand eine leidenschaftlichen Beziehung. Beide hatten bereits nach kurzer Zeit das Gefühl, als ob sie sich schon seit Ewigkeiten kannten. Wenn sie sich mal nicht sehen konnten, dann schickten sie oft stundenlang SMS mit den schönsten Liebesschwüren hin und her.

Der Film, den sie an diesem Abend sahen, war spannend, ein Thriller – nicht unbedingt die Art von Unterhaltung, die Laura bevorzugte. Einige Male presste sie ihr Gesicht an Adrianos Schulter, um die schrecklichen Dinge, die der psychopathische Killer mit seinen Opfern anrichtete, nicht  mit ansehen zu müssen.

„Es ist vorbei, Süße. Du kannst wieder hinsehen“, hatte ihr Adriano jedes Mal ins Ohr gehaucht und sie anschließend auf die Schläfe geküsst. Laura liebte es, seine Lippen auf ihrer Haut zu spüren und auch jetzt noch durchfuhr sie ein wohliger Schauer, wenn sie an seine Berührungen dachte.


„Es wird bald Regen geben, wir sollten uns beeilen“, bemerkte Adriano, während sie sich durch die Seitengasse der Piazza näherten.

„Du hast recht, außerdem ist mir diese Gasse etwas unheimlich.“ Adriano runzelte die Stirn.

„Wovor fürchtest du dich? Da vorne ist ja bereits die Piazza und da wimmelt es nur so von Menschen, uns kann also nichts passieren.“

Laura wendete ihm ihr Gesicht zu, sah ihn von der Seite dankbar an und genoss das selbstsichere Funkeln seines Blicks. Als sie den Kopf abwandte, stand vor den beiden wie aus dem Nichts dieser Mann. Es waren nicht einmal sein schwarzer Ledermantel und die Springerstiefel, die Laura solche Angst einflößten, dass ihr der Atem stockte. Es waren vielmehr seine durchdringenden blauen Augen, die wegen seiner kurzen wasserstoffblonden Haare und seiner weißen Haut, die so unwirklich schimmerte, als wäre sie aus Elfenbein, noch intensiver zu leuchten schienen. Obwohl sie noch ca. fünf oder sechs Meter trennten, konnte sie all das erkennen. Der Mann stand einfach da und sah sie an. Sein Blick war durchdringend, und doch starrte er nicht, eher war es der Blick von jemandem, der eine Trophäe betrachtete. Seine Trophäe. Laura klammerte sich fester an Adriano, der unvermittelt stehen geblieben war.

„Seid gegrüßt. Ich habe euch bereits erwartet“, sagte Cortimus und lächelte leicht. Fast hatte sein Lächeln den Anschein von Freundlichkeit, aber es war das Lächeln eines Jägers, der sich seiner Beute sicher war. Adriano zögerte nicht lange.

„Lauf – jetzt!“, stieß er hervor, umklammerte Lauras Hand und setzte zu einem Sprint an. Doch sie sollten nicht weit kommen. Blitzschnell war Cortimus an ihrer Seite, fasste Adrianos Kopf mit beiden Händen und drehte ihn zuerst nach links und dann mit einem Ruck nach rechts. Es knackte, als Adrianos Genick brach. Die Bewegung dauerte gerade mal eine Sekunde.

Laura blieb wie vom Donner gerührt stehen. Sie war unfähig, sich zu bewegen und brachte vor Schock keinen Laut heraus. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie auf Adriano, der mit unnatürlich verdrehtem Kopf tot am Boden lag und begriff, dass sie soeben den  Menschen auf der Welt verloren hatte, den sie abgöttisch liebte. Den einzigen Menschen, den sie noch hatte… Von einer Sekunde zur anderen veränderte sich ihr Leben komplett.

Und plötzlich begriff sie noch etwas: Der Geschwindigkeit, mit der sich dieser Mann ihnen genähert hatte, der Kraft, mit der dieses Monster ihrem Adriano das Genick brach, würde sie nichts entgegensetzen können.

Laura wollte schreien, doch Cortimus drückte ihr mit Daumen und Zeigefinger seiner linken Hand den Kehlkopf zusammen.

„Dein Schreien wird meine Erregung nur steigern und dein Leiden noch vergrößern. Bist du sicher, dass du meinen Genuss auf diese Weise erhöhen möchtest? Bist du dir da ganz sicher? Und außerdem: Wer sollte dich denn hören oder dir helfen? Die armseligen Kreaturen da vorne auf der Piazza vielleicht?“

Cortimus lachte leise und sah kurz hinüber zu dem Trubel, der keine hundert Meter von ihnen entfernt herrschte. Er hatte die Worte mit der Ruhe eines Priesters gesprochen, der seine Sonntagspredigt hält. Laura war vor Angst wie gelähmt und unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen.

„Es ist dein Blut, das mir die Sinne raubt, nicht seines“, fuhr Cortimus fort. „Du hast keine Ahnung, in welche Ekstase es einen der Unsrigen versetzen kann: Der erste Biss, der plötzlich austretende Schwall warmen Blutes – deines Blutes, das jetzt vor Angst laut in deinen Adern pocht.“

Wieder lachte er und zog sie in eine dunkle Ecke, wo er sie grob gegen eine Häuserwand presste.  Seine rechte Hand griff nach ihrer weißen Bluse, die er ihr mit einem Ruck von den Schultern riss. Cortimus betrachtete sie. Ihre nackte Haut glänzte im Dunkeln, ihr weißer Spitzen-BH leuchtete fast unnatürlich. Dann riss er Laura mit einer blitzartigen Bewegung auch den BH herunter und legte ihre Brüste frei. Laura hatte einen muskulösen Körper und feste, große Brüste – das Ergebnis jahrelangen Schwimmtrainings.

„Machen Sie mit mir, was sie wollen, aber tun Sie mir bitte nicht weh“, flehte Laura keuchend. Cortimus griff nach ihren Rundungen. Plötzlich wurde Laura bewusst, wie kalt sich seine Hand anfühlte.

„Schmerzen? Das ist es nicht gerade, was du fühlen wirst.“, sagte Cortimus und lächelte, während er mit seiner Hand langsam ihren Oberkörper ertastete. Dann trat er mit einem schnellen Schritt hinter Laura und drückte ihren Kopf gegen seine Wange. „Ich liebe es, euch Sterbliche zittern zu sehen und gleichzeitig liebe ich es noch immer, einen eurer warmen, weichen Körper zu spüren. Das gestattest du mir doch, oder?“

Cortimus hielt ihre Brüste fest umschlossen, während er seine scharfen Eckzähne entblößte und sie tief in Lauras Hals senkte. Ein gurgelnder Laut war das Letzte, das die Welt von Laura Ragiotti hörte. Cortimus, der Vampir, saugte ihr Blut bis zum letzten Tropfen aus. Anschließend nahm er die Körper seiner Opfer an sich und schwang sich auf das dreistöckige Wohnhaus.

Mit großen Sätzen sprang er von einem Hausdach zum nächsten und landete jeweils sanft und völlig lautlos, um nicht auf sich aufmerksam zu machen. Das Gewicht der beiden Körper beeinträchtigte ihn dabei nicht, im Gegenteil: Er spürte sie kaum. Mit einem letzten, riesigen Satz schwang er sich in den Nachthimmel empor und verschwand in der Nacht. Er ließ sich ein Stück vom Wind tragen und landete schließlich etwas außerhalb der Stadt am Rande eines Flusses.

Hier an dieser Stelle war der Tiber besonders tief. Er legte beide Körper auf die sanft abfallende Uferböschung. Als Erstes nahm er sich Adrianos an. Cortimus drückte die Finger beider Hände auf Höhe seines Bauchnabels tief in die Haut und riss ihm die Bauchdecke auf. Er öffnete den Oberkörper und warf die Leiche anschließend in die Strömung des Flusses. Der Vampir verzichtete darauf, ihr beim Sinken zuzusehen, dafür war zu wenig Zeit. Zu groß war die Gefahr, entdeckt zu werden. Einen Augenblick lang betrachtete er Lauras Leichnam und strich ihr über die graue, kalte Wange.

„Eigentlich hätte ich dich zu einer der Unsrigen machen und dir das ewige Leben schenken sollen. Du wärst mir sicherlich eine gute Dienerin gewesen.“

Er wischte den Gedanken fort und begann, mit ihrem Körper dieselbe Prozedur durchzuführen wie kurz zuvor mit Adrianos Körper. Als er fertig war, warf er die Leiche ins Wasser und sah ihr nach. Cortimus wartete, bis Lauras Körper in den Fluten versank, wusch sich anschließend im kalten Wasser seine Hände und begab sich auf den Rückweg in die Stadt.

Oh, wie er sie hasste, diese Art der Entsorgung! Wie leicht war es doch früher. Noch vor hundertfünfzig oder auch nur vor hundert Jahren hatte man eine einfache Grube ausgehoben und den Körper bzw. den Rest des Mahls darin verscharrt. Fertig, das war’s! Heutzutage dagegen musste man höllisch aufpassen, dass der Körper nicht entdeckt und man mittels DNA-Proben, Fingerabdrücken und wer weiß was noch allem, nicht selbst noch zu einem Gejagten der Menschen wurde. Eine verrückte Zeit, dachte Cortimus und ließ sich einen Augenblick lang dazu hinreißen, in Erinnerungen an das alte Europa zur Zeit der Renaissance zu schwelgen. Er schloss die Augen und ließ einige Bilder vor seinem inneren Auge vorbeiziehen. Er genoss die Gedanken an diese Zeit des wiederentdeckten Prunks, der neuen Höflichkeit und des galanten Umwerbens der Damen. Es war eine wunderbare Zeit gewesen – für ihn wie auch für die meisten anderen Vampire.




KAPITEL 2





Exolate schlug die Augen auf. Die Nacht brach herein und Dunkelheit legte sich wie ein Mantel über das Haus, in dessen Keller er sich zurückgezogen hatte. Das Anwesen war der Ort, an den sich Exolate Nacht für Nacht zurückzog, wenn er im Lande war. Ein Ort, an dem er sich sicher fühlen konnte.

Er spürte die leichte Wärme, die von den Fackeln an den Wänden ausging, als er langsamen Schrittes die Kellertreppe erklomm und sich in den Flur begab. Er öffnete die schwere Tür, die in die Bibliothek führte und auf deren Rückseite sich zur Tarnung des Eingangs ein Bücherregal befand. Nur schwerfällig setzte sie sich in Bewegung, doch schließlich gab sie den Weg in die Bibliothek frei. Exolate wartete, bis die Tür mit einem satten Geräusch wieder ins Schloss fiel und betrachtete die Geheimtür einen Augenblick lang aufmerksam.

Wohl niemand vermutete, dass sich dort, wo sich jetzt ein Buch an das andere reihte, eben noch eine Tür befand. Bücherregalen umschlossen die Wände der Bibliothek. Unzähligen Werke standen in endlosen Reihen nebeneinander. In der Mitte der Bibliothek befanden sich zwei schwere Ohrensessel aus dunklem Leder. Die gesamte Einrichtung spiegelte den typisch englischen Stil der Londoner Upperclass wieder, auf dessen Skyline Exolate blickte, wenn er auf seine Terrasse trat.

Exolate schritt geradewegs durch die Bibliothek und öffnete eine weitere Türe. Der Flur, der mehr einer großen Halle glich, wirkte in dem gedämpften Licht riesig. Dieser Teil seines Hauses beeindruckte vor allem durch seine Schlichtheit, in die er geschickt einzelne Akzente setzte.

Zwei schwere Kronleuchter hingen von der Decke und in einer Nische an der linken Seite der Halle befand sich eine Ritterrüstung. Der imaginäre Träger der Rüstung war bewaffnet mit einem Bihänder, der stolz und aufrecht mit der Spitze nach unten zwischen den Füssen des Ritters ruhte. Ein beeindruckendes Gemälde oberhalb der Rüstung, das die Szenerie einer Schlacht zeigte, rundete dieses Bild ab. Die rechte Seite der Halle dagegen lud zu einem Ausflug in historische Zeiten ein. Dort waren die unterschiedlichsten Waffengattungen vergangener Tage ausgestellt, sodass Exolate nun an den verschiedensten Hieb- und Stichwaffen wie Säbeln, Degen und Dolchen, aber auch Morgensternen bis hin zu Steinschlossbüchsen entlang ging.

Exolate mochte diese Instrumente der Gewalt, er liebte all jene Zeugnisse einer Zeit, in der die Menschen weniger Gott, sondern mehr dem Teufel nahe standen.

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